Die Leipziger Botschaft aus Melsungen

Die DHfK-Kolumne vor dem Heimspiel gegen Erlangen

Franz Semper tankt sich gegen die Melsunger Abwehr durch. Foto: Rainer Justen

Es bringt nichts, die Chancen des SC DHfK gegen ihren Sonntag-Kontrahenten an dessen Tabellenstand abzuleiten. Der HC Erlangen ist zu Gast, der bislang fünf Zähler errungen hat und damit auf Platz 16 liegt. Ziemlich weit hinten also, dort, wo ihn bestimmt kaum jemand erwartet hatte. Denn die Franken werden allseits geschätzt, gelten nie und nimmer als Abstiegskandidat und haben, das kann man so sagen, einen sehr guten Ruf in der Bundesliga. Den sahen ihre Verantwortlichen offenbar in Gefahr, als sie sich am 7. Oktober von ihrem Trainer Robert Andersson trennten und durch Tobias Wannenmacher ersetzten. Der gilt als Interimslösung, hat bislang nichts Zählbares vorzuweisen und zu allem Überfluss auch noch das heimische Pokal-Achtelfinale gegen Göppingen knapp verloren.


Es kommt also ein Gegner in die Arena, der unbedingt seinen Trend korrigieren will. Dabei trifft er auf einen Gastgeber, der sich in seinen letzten beiden Bundesliga-Partien - zu Hause gegen Nettelstedt und in Magdeburg - nicht mit Ruhm bekleckerte. Und der am Mittwoch in Melsungen ins Pokal-Viertelfinale stürmte, dass sich so mancher fragte, ob das dieselbe Mannschaft war, die sich nur wenige Tage vorher an der Elbe offen wie ein Scheunentor präsentiert und 37 Gegentreffer kassiert hatte. Nur einmal waren es in der Bundesliga noch mehr, im Dezember 2015 verlor der damalige Aufsteiger zu Hause gegen Kiel 33:38.


Wer so oft den Anwurf ausführen muss, sieht sich danach dem Vorwurf ausgesetzt, es habe ihm  entweder an Erfahrung und Klasse oder möglicherweise an der nötigen Moral gefehlt. Und somit an der Bereitschaft, sich in der Abwehr für den Nebenmann aufzuopfern und die so wichtige Hilfe zu leisten, um die entstandene Lücke doch noch zu schließen. Letzteres wiegt besonders schwer, weil es die Sportlerehre trifft. Darauf kann es nur eine Antwort und möglichst auch gleich im nächsten Spiel geben: Das passiert so nicht wieder.


Die Antwort der Leipziger in Melsungen fiel imponierend und überzeugend aus. Nur 22 Tore brachte der prominente Angriff der Hessen zustande, was eindeutig für die richtigen Schlussfolgerungen spricht, die nach dem Auftritt in Magdeburg gezogen und mit großem Willen umgesetzt wurden. Jetzt dürfen die Männer um Kapitän Jens Vortmann wieder vom Final Four träumen, bei dem sie zuletzt ihren Einstand gaben. Ein Sieg fehlt ihnen noch zur Fahrt nach Hamburg. Auf Pokalverteidiger Kiel können sie im Viertelfinale schon mal nicht treffen, der THW scheiterte in Hannover. Auch die Flensburger fallen als möglicher Kontrahent aus, sie zogen zu Hause gegen die Füchse den Kürzeren. Vielleicht geht es ja gegen die Göppinger, die Magdeburger, die Wetzlarer, die Stuttgarter oder die Rhein-Neckar Löwen. Doch so weit ist es noch nicht, die Runde der letzten Acht wird am 5.  November ausgelost und erst am 6./7. März gespielt.


Nach einem Pokal-Aus wäre es für die Leipziger sehr wahrscheinlich schwieriger geworden, in die Partie gegen Erlangen mit dem nötigen Selbstvertrauen zu gehen. Das brauchen sie aber, denn auf der Gegenseite stehen richtig gute Handballer. Einen davon kennen sie besonders gut, Christoph Steinert trug in den beiden vergangenen Spielzeiten das DHfK-Trikot. Der Linkshänder weiß selbstverständlich alles über seine früheren Mannschaftskameraden und wird nicht vergessen haben, mit welcher Taktik die Roscheck & Co. beispielsweise in der Abwehr vorgehen.  Ob Steinert ins Grübeln gekommen ist, als er vom überzeugenden Pokal-Auftritt seiner ehemaligen Mitstreiter hörte, ist natürlich nicht bekannt. Aber registriert haben werden ihn die Erlanger ganz bestimmt. Die Leipziger Botschaft aus Melsungen an die Konkurrenz kommt daher zur rechten Zeit.

Erstellt von Winfried Wächter