Schöne Träume und harte Realitäten

Wer auch immer bisher das Wort Europapokal in den Mund nahm, musste befürchten, dass er gleich gevierteilt wird. Jedenfalls, wenn er mit Geschäftsführer Karsten Günther darüber reden wollte. Der blickte dann immer so drohend, als wolle er persönlich gleich Hand anlegen. Auch, wenn man nur höflich sein und den guten Leistungen der DHfK-Truppe Respekt zollen wollte. Da ginge doch bestimmt noch mehr, oder? Jedenfalls in den nächsten Jahren.

Wer Glück hatte, wurde nach diesem Versuch vom Handball-Chef nicht eigenhändig aus der Halle geworfen. Man musste sich nur einen neuen Gesprächspartner suchen, denn über das Thema Europapokal war Günther nicht bereit zu sprechen. So blieb es bei den Erinnerungen. Immerhin ist es inzwischen fast 30 Jahre her, dass eine Leipziger Männermannschaft im EC startete. 1987/88 qualifizierte sich der SCL für den Cup der Pokalsieger und setzte sich im Achtelfinale gegen Politechnica Timisoara durch. Eine Runde später war für die Männer um Peter Hofmann, Frank Mühlner, Andreas Friedrich, Mike Fuhrig und den unvergessenen Jens Herold gegen Medvescak Zagreb Schluss. Die Auswärtstorregel hatte gegen die Leipziger entschieden. "Damit hatten wir immer Pech", erinnert sich Mühlner.

Nun hat Christian Prokop das Thema Europapokal aufgegriffen. Im Zusammenhang mit seiner Vertragsverlängerung bis 2021 sprach er davon, dass es ein Traum wäre, in Leipzig wieder internationalen Handball zu erleben. Das darf er sagen, schließlich würde es dem Trainer des Jahres wohl niemand abnehmen, wenn er in Leipzig verlängert, um sich auch in den nächsten Jahren einzig und allein auf den Abstiegskampf konzentrieren.

Damit handelt sich der erste Übungsleiter der Grün-Weißen auch nicht den Vorwurf ein, er habe den Blick für die harten Realitäten verloren. Träume müssen erlaubt sein. Weniger, weil sein Team  gegenwärtig auf Rang fünf der Bundesliga und damit auf einem internationalen Startplatz liegt - die starke Konkurrenz ist nicht weit weg. Im DHB-Pokal dagegen ergeben sich ungeahnte Aussichten. Nach dem Auswärtssieg gegen Wetzlar fehlt nur noch ein Sieg fürs Final Four und damit für eine weitere Option.

Natürlich wird jetzt angesichts dieser Ausgangslage niemand beim SC DHfK den Angriff auf Europa ausrufen. Wer aber unter anderem in Magdeburg einen Punkt holt, in Gummersbach gewinnt und Wetzlar in die Knie zwingt, der lässt die Konkurrenz in jedem Fall aufhorchen. Die Mannschaft wirkt gefestigter als in ihrem ersten Bundesliga-Jahr. Der Spielverlauf in Gummersbach ist dafür ein gutes Beispiel: hoch geführt (mit sechs Toren), dann doch wieder Unentschieden (eine Viertelstunde vor Schluss) und schließlich den Kopf eindrucksvoll aus der Schlinge gezogen (trotz hitziger Atmosphäre). Dass sich die Gastgeber über ihre vielen Zwei-Minuten-Strafen am Ende beklagten, muss man nicht kommentieren - die Fernseh-Bilder tun das überaus eindrucksvoll. Auch der Fünf-Tore-Rückstand gegen Wetzlar eingangs der zweiten Hälfte hatte den SC DHfK nicht geschockt, sein Teamgeist war erneut überragend.

Die Stuttgarter mit ihren Weltmeistern Johannes Bitter und Michael Kraus können sich am Sonntag in der Arena sehr sicher sein, dass ihr Gastgeber trotz der gegenwärtigen Euphorie die Bodenhaftung nicht verloren hat. Auch wenn bei ihm bislang vieles aufgegangen ist - im Gegensatz zu manch anderen (international) ambitionierten Vereinen. Die Magdeburger Fans zum Beispiel hatten sich das Geschehen bis Ende Oktober bestimmt ganz anders vorgestellt, von den SCM-Verantwortlichen ganz zu schweigen. Ihre Mannschaft hat das Final Four nach einem großen Spiel gegen den THW Kiel knapp verpasst. Der SC DHfK dagegen bleibt im Rennen - sein zweites Jahr in der Bundesliga lässt sich richtig gut an.

Erstellt von Winfried Wächter