Wolf-Dietrich Neiling

"Wir galten als die Intellektuellen"

Wolf-Dietrich Neiling verkörpert DDR-Sportgeschichte - in mehrerer Hinsicht

Seinen kritischen Blick hat er sich bewahrt. Den streitbaren Geist ebenfalls. Wer sich gemeinsam mit Wolf-Dietrich Neiling ein Handballspiel anschaut, kann von ihm auch erfahren, was in der Partie nicht so gut gelaufen ist, obwohl die Zuschauer gerade euphorisch den Sieg bejubeln. Wo doch also alles in Ordnung war.

So einfach hat es sich Neiling nie gemacht. Schwarz-Weiß-Denken war nicht sein Ding. Was daran liegen könnte, dass er in Hans-Gert Stein einen Lehrmeister hatte, der selbst nie in solchen schlichten Kategorien dachte. Nach dem Motto: Sieg bedeutet alles gut, Niederlage alles schlecht. Stein war Neilings Trainer beim SC DHfK, als der am 1. September 1960 an der Deutschen Hochschule für Körperkultur sein Studium begann und bei den Handballern auf viele Gleichgesinnte traf. Seine Mitspieler kamen aus vielen Teilen der DDR, waren wissbegierig und wollten natürlich so erfolgreich wie möglich sein. „Wir galten in der Oberliga als die Intellektuellen", erinnert sich Neiling und lacht. Er war 18, als er sich aus Biesenthal bei Berlin nach Sachsen aufmachte und am 22. April 1966 in Paris mit dem 16:14-Sieg im Finale des Europapokals der Landesmeister gegen Honved Budapest eine sportliche Sternstunde erlebte. Hauptsächlich agierte er am Kreis, was insofern bemerkenswert ist, als er nur 77 Kilo wog. Wer sich heute in den „Nahkampf" begibt, muss schon einiges mehr auf die Waage bringen. Zum Vergleich: Bei Alen Milošević, den Kreisläufer der aktuellen DHfK-Mannschaft, sind 106 Kilo angegeben. Der Schweizer misst freilich mit 1,91 m auch neun Zentimeter mehr als sein Vorgänger von 1966.

Auch daran sehe man, wie sich in dieser Sportart vieles verändert habe, sagt Neiling. Schnelligkeit und Körperlichkeit hätten enorm zugenommen. Vielleicht hat er deshalb einen Faible für kleinere Spieler, die auch heutzutage im mittleren Rückraum Regie führen und zudem torgefährlich sind. So wie auch er, denn auf dieser Position wurde er ebenfalls oft eingesetzt.

Das Spiel von Paris 1966 ist Neiling nicht nur des Sieges wegen in deutlicher Erinnerung. Ihn hat damals vor allem beeindruckt, dass zahlreiche Spieler aus Düdelingen unter den Zuschauern saßen und die Leipziger anfeuerten. Der SC DHfK hatten auf dem Weg ins Endspiel das Achtelfinale gegen die Luxemburger zu bestreiten, setzten sich auswärts 27:9 und zu Hause 38:23 durch. Die Partie in Düdelingen war einmalig, sie wurde auf dem Marktplatz der Stadt ausgetragen, weil keine Halle zur Verfügung stand. Die Bedingungen bei nasskaltem Wetter kurz vor Weihnachten 1965 waren daher alles andere als normal. Der Freundschaft zwischen beiden Mannschaften tat dies keinen Abbruch, wie die Reise der Gegner zum Finale nach Frankreich zeigt.

Solche Kontakte waren für DDR-Sportler eigentlich nicht erlaubt. „Wir haben es einfach gemacht und uns gemeinsam gefreut", sagt Neiling. „Aber es war schon eine sehr harte Zeit." Als 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde, lebte seine Schwester in West-Berlin. Begegnungen waren nahezu unmöglich. Hin und wieder wurden zwischen den Geschwistern, ein jüngerer Bruder gehörte dazu, Treffen auf Autobahnparkplätzen organisiert. Als die DHfK-Mannschaft per Zug zum Spiel nach Düdelingen fuhr, startete sie vom Bahnhof Zoo im Westteil der Stadt, seine Schwester stand auf dem Bahnsteig. „Wir sind uns um den Hals gefallen und haben geheult." Für ihn war es dennoch keine Option, im Westen zu bleiben. „Weil ich versprochen hatte, mich um unsere Mutter zu kümmern", erklärt Neiling. „Sie war sehr sportinteressiert, hat mich immer unterstützt und sich sehr über unseren EC-Sieg gefreut." Als seine Mutter 1969 starb, wurde der Schwester die Einreise zur Beerdigung verweigert - für Neiling ein einschneidendes Erlebnis. Alle Bemühungen, ihn zur Mitgliedschaft in die SED, der Staatspartei in der DDR zu überreden, blieben erfolglos.

Dass er 1972 nicht mit zu den Olympischen Spielen genommen wurde, hat ihn sehr beschäftigt. Die DDR-Mannschaft belegte in München Platz vier, wobei damals nur zwölf Spieler (heute 16) eingesetzt werden konnten. Der Magdeburger Wolfgang Lakenmacher und der Auer Harry Zörnack erhielten den Vorzug. „Ich weiß natürlich, über welche großen Qualitäten die beiden verfügten. Sportlich war die Entscheidung in Ordnung", so der 40-fache Nationalspieler. In seiner Stasi-Akte stieß er allerdings auch auf Passagen, wonach der Leipziger Kreisläufer im Vorfeld der Nominierung so trainiert werden sollte, dass er den Sprung ins Aufgebot nicht schaffen konnte.

An der Sporthochschule ist er immer geblieben, betreute viele bekannte Studenten. Nicht nur Handballer, auch Fußballer wie René Müller und Frank Baum oder der Ringer Wolfgang Nitschke gehörte dazu. Auch die Volleyball-Nationalmannschaft der DDR unterrichtete er. „Promovieren durfte ich aber nicht." Er gehörte nicht zur Nomenklatura.

Als die weltberühmte Einrichtung 1990 abgewickelt und als Sportfakultät der Uni Leipzig angeschlossen wurde, zählte Neiling weiter zu den Lehrkräften. Heute ist er 76 und arbeitet immer noch, so beim Internationalen Trainerkurs mit Studenten aus aller Welt. 1974 gehörte Hasan Mustafa Im Rahmen dieses Lehrgangs zu seinen Studenten, der Ägypter ist seit 2000 Präsident der Internationalen Handball-Föderation. Natürlich wissen die jetzt vor ihm stehenden jungen Frauen und Männer nicht, dass da einer vor ihnen steht, der Leipzigs Handball-Tradition mit begründet hat. Aber bei den Bundesliga-Spielen, bei denen Wolf-Dietrich Neiling zu den Stammgästen gehört, wird er von Fans hin und wieder auf die alten Zeiten angesprochen und zum aktuellen Geschehen um seine Meinung gebeten. Sie zählt nach wie vor.

Autor: Winfried Wächter