1975

Ganz oben, von der Bildfläche verschwunden und eindrucksvoll zurückgekehrt - die Geschichte des DHfK-Handballs verlief vielfältig wie in kaum einem anderen Verein. Wir erinnern an dieser Stelle an den Weg der Grün-Weißen, der lange Zeit zu Ende schien, bis 2007 der Neustart erfolgte. Heute: Der Beschluss von 1975.

Aus zwei mach eins

Warum bei den DHfK-Handballern 1975 die Lichter ausgeschaltet wurden

Der Erfolg kurz vor dem Jahreswechsel 1974/75 dürfte ein weiteres Argument gewesen sein. Dass in Leipzig in zwei staatlich geförderten Sportklubs, dem SC Leipzig und dem SC DHfK, Handball betrieben wurde, war so manchem Funktionär in der Sportzentrale in Berlin ein Dorn im Auge. Die Kräfte sollten doch - erst recht in einer Stadt - vielmehr gebündelt werden, lautete die Devise. Als nun beim 19. Berliner Neujahrsturnier die Stadtauswahl Leipzig, gebildet aus den besten Spielern beider Klubs, zum siebten Mal als Sieger hervorging, nahmen die Überlegungen Fahrt auf.

Hinzu kam, dass der SC DHfK in dieser Spielzeit in der Oberliga, der höchsten Spielklasse der DDR, keine sonderlich gute Rolle spielte. Er musste nach der Hin- und Rückrunde sogar in der Abstiegsrunde antreten und landete letztlich auf dem siebten Platz - für einen Sportklub eine Enttäuschung. Die Nachfolger der Europapokalsieger von 1966 waren freilich mit einer sehr jungen Mannschaft am Start, Torhüter Siegfried Voigt, Lothar Doering und Dieter Lenz mit 24 Jahren ihre ältesten Spieler. Viele Talente hätten vielleicht noch ein, zwei Jahre gebraucht, und der SC DHfK wäre wieder in ruhigeres Fahrwasser gekommen.

Doch die Leistungssportkommission der DDR fasste im Frühar 1975 den knapp formulierten Beschluss, dass die Handball-Abteilung des SC DHfK dem SC Leipzig beizutreten hatte. So richtig überraschend kam die Entscheidung nicht mehr. „Gerade nach dem Sieg beim Neujahrsturnier kamen wieder Gerüchte auf, weil wir gemeinsam eben sehr erfolgreich waren", erinnert sich Matthias Wolf, der damalige DHfK-Rechtsaußen.

Diskutiert wurde unter den Handballern und ihren Fans oft, ob die Fusion auch erfolgt wäre, wenn 1972 nicht Karlheinz Rost und Peter Larisch den Ortsnachbarn SCL hätten verlassen müssen. Beide Nationalspieler wurden nach dem Europapokal-Hinspiel, der Verein war vorher Meister geworden, gegen Stella Sports St. Maur auf Geheiß der DDR-Sportführung aus dem Leistungssport - so der damalige offizielle Sprachgebrauch - ausgeschlossen. Rost, Torschützenkönig bei der WM 1970, lebte damals in Scheidung, sein Rückkehr aus dem Westen galt den Obersten im DDR-Sport als unsicher. Larisch wurde zum Verhängnis, dass seine Ehefrau einer Kollegin berichtet hatte, dass jeder DDR-Spieler für Platz vier bei den Olympischen Spielen in München eine Prämie von etwa 4000 DDR-Mark erhalten hatten. Deren Mann war ein Stasi-Zuträger, und Olympia-Teilnehmer Larisch bekam ebenfalls ein Problem, weil solche
Zuwendungen als streng geheim galten. Beide durften ab sofort nur noch für so genannte Betriebssportgemeinschaften spielen. Larisch ging zu Post Schwerin, Rost nach Eisenach. Dem SCL hatten damals viele zugetraut, mit den beiden Ausnahmekönnern auf Jahre um die Meisterschaft mitzuspielen.

 

So mussten die Voigt & Co. 1975 von der Grube-Halle in die Leplaystraße umziehen, wo die dortige Halle nur 500 Zuschauern Platz bot. Nicht alle ehemaligen Grün-Weißen wurden Mitglied. Spielmacher Hans-Peter Melzer wechselte zu Dynamo Berlin, Linksaußen Christian Langner schloss sich Empor Rostock an. Kreisläufer Andreas Geipel, dessen Sohn Lars zu der besten deutschen Schiedsrichtern zählt, spielte für Einheit Halle-Neustadt.

Das neu formierte Leipziger Team wurde auch auf Anhieb Meister. Es wurde von Karl-Heinz Richter und Klaus Franke, einem der EC-Helden von 1966, trainiert. Paul Tiedemann, der bis dahin den SC DHfK gecoacht hatte, wurde zunächst Assistent von Auswahltrainer Heinz Seiler, bevor er 1976 nach der verpatzten Olympiateilnahme in Montreal erster Mann auf der Bank der DDR Mannschaft wurde und 1980 den Olympiasieg holte. Im Aufgebot von Moskau standen mit Voigt und Doering zwei ehemalige DHfK-Akteure, dritter Leipziger war Peter Rost.

An den Europapokal-Triumph des SC DHfK von 1966 konnte der SCL nicht anknüpfen, er erreichte kein Finale. Die nationale Spitze wurde im wesentlichen vom SC Magdeburg bestimmt. „Zwei Leipziger Sportklubs hätten dem Handball in der DDR bestimmt nicht geschadet", sagt Wolf. Er trainierte später den Nachwuchs von Concordia Delitzsch, als ab Mitte der 90-er Jahre in Leipzig endgültig die (Männer-)Handball-Lichter ausgegangen waren. Zu seinen Schützlingen gehörten damals unter anderem Lars Kaufmann (Weltmeister von 2007) und Silvio Heinevetter. Letzterer wird am Sonntag im Tor der Berliner Füchse alles daran setzen, dem SC DHfK das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Autor: Winfried Wächter