1995

Ganz oben, von der Bildfläche verschwunden und eindrucksvoll zurückgekehrt - die Geschichte des DHfK-Handballs verlief vielfältig wie in kaum einem anderen Verein. Wir erinnern an dieser Stelle an den Weg der Grün-Weißen, der lange Zeit zu Ende schien, bis 2007 der Neustart erfolgte. Heute: Der tiefe Fall von 1995.

Der tiefe Fall von 1995

Wie die DHfK-Handballer trotz der Hilfe des „Magiers" von der Bildfläche verschwanden


Siegfried Voigt regt sich heute noch auf. Dabei liegt der Grund fast ein Vierteljahrhundert zurück, aber dass die DHfK-Handballer damals von der Bildfläche verschwanden, hätte sich ihr einstiges Aushängeschild niemals vorstellen können.

Doch der Reihe nach. Es war der 20. Mai 1995, als der SC DHfK am letzten Spieltag der zweiten
Bundesliga gegen Groß-Bieberau 25:23 gewann. Was nichts am bereits feststehenden Abstieg änderte, der letzte Platz war nicht mehr zu korrigieren. Zwei Jahre zuvor hatten sich die Männer des SC Leipzig, dem die DHfK-Handballer 1975 beigetreten waren, dem SC DHfK angeschlossen. Der SCL existierte nicht mehr. Die Frauen spielten seit 1992 für den VfB Leipzig, 1999 wurde der HCL gegründet.

Beim SC DHfK waren die Handballer nur bedingt willkommen. 163000 D-Mark Schulden hatten sie
(natürlich nicht persönlich) vom ehemaligen Club mitgebracht, im Abstiegsjahr belief sich die Summe auf 200000 D-Mark. Die Führung des ohnehin klammen Großvereins hätte sich nach eigenen Angaben auch bei einem Klassenerhalt von den Handballern getrennt.

Das ärgert Siegfried Voigt, den einstigen Weltklassetorhüter, noch heute. „So richtig waren wir nicht gewollt, wir fühlten uns veralbert", sagt er. 1969 stieß er aus Aue zum SC DHfK und wurde schnell Nationalspieler. Beim Wechsel zum SC Leipzig war er bereits Olympia-Vierter (1972) und Vizeweltmeister (1974). Die Fusion hatte auch sehr gut begonnen, denn der neue SCL holte auf Anhieb den Meistertitel, was ihm zwei Jahre später noch einmal gelang. Die Hoffnungen auf einen internationalen Durchbruch des Klubs erfüllten sich nicht, im Europapokal kam das Team über das Viertelfinale nicht hinaus. 1981/82 wurde im EHF-Cup die Runde der letzten Vier knapp verfehlt, als der VfL Gummersbach zu Hause 16:14 geschlagen wurde, das Rückspiel in Dortmund aber 14:17 verloren ging.

Herausragende Spieler hatte der SC Leipzig stets in seinen Reihen. Voigt wurde mit Peter Rost und Lothar Doering 1980 Olympiasieger, Axel Kählert war Torschützenkönig in der DDR-Oberliga. Peter Hofmann, Voigts Nachfolger im SCL-Tor, war einer der besten deutschen Torhüter. Bei der WM 1990 wurde er zum besten Schlussmann gewählt. Gemeinsam mit Mike Fuhrig wechselte er in diesem Jahr nach Wallauer-Massenheim, wo er zweimal deutscher Meister, zweimal Pokalsieger und Europapokal-Sieger wurde.

„Hofers" frühere Mannschaft hatte es durch die prominenten Abgänge nach der deutschen Wiedervereinigung schwer.1991/92, mit Jens Kürbis hatte zuvor ein weiterer exzellenter Schlussmann den Verein Richtung Magdeburg verlassen, spielte sie noch in der zweigleisigen Bundesliga, stiegen als Neunter aber in die zweite Liga ab. Ein Punkt hatte zum Klassenerhalt gefehlt. Trainer Peter Rost trat zurück, mit Matthias Wolf übernahm ein ehemaliger DHfK-Spieler das Amt. Hans-Hennig Müller wurde sein Assistent, Siegfried Voigt Torwarttrainer. Der SC Leipzig löste sich auf, die Rückkehr zum SC DHfK wurde aber keine Erfolgsgeschichte.

An den Wiederaufstieg war nicht mehr zu denken, zu groß waren die finanziellen Unterschiede zwischen den Ost- und Westvereinen geworden, der SC Magdeburg galt als Ausnahme, der die Regel bestätigte. Rechtsaußen Erik Göthel und Linksaußen Frank Mühlner gingen vor der Spielzeit 1994/95 zum SCM, die die letzte für den SC DHfK werden sollte. Daran änderte auch nichts, dass in der Hinrunde Rat von ganz prominenter Seite gesucht wurde. Die Zuschauer in der Sporthalle Brüderstraße staunten jedenfalls nicht schlecht, als unter ihnen Vlado Stenzel saß.

Der „Magier" hatte die Bundesrepublik 1978 nahezu sensationell zum Weltmeistertitel geführt. Seinen Ruf als Zauberer bekräftigte er aber vor allem am 6. März 1976, als sich beide deutsche Mannschaften in der umgebauten Eissporthalle im damaligen Karl-Marx-Stadt im entscheidenden Olympia-Qualifikationsspiel gegenüberstanden und die DDR den Kürzeren zog. Ihr Linksaußen Hans Engel war in letzter Sekunde mit einem Siebenmeter an Manfred Hofmann gescheitert, so dass Stenzel mit seinen Männern zu den Spielen nach Montreal fuhr.

„Einen richtigen Rat hatte Stenzel für mich aber auch nicht", erinnert sich Matthias Wolf. „Dabei haben wir fast zwei Nächte durchdiskutiert, wie man Leipzig wieder nach oben bringen könnte", sagt Wolf, der vor der Rückrunde entlassen wurde. „Da waren wir noch lange nicht abgestiegen", hält er heute noch dagegen.

Zvonimir Bartolovic übernahm die Mannschaft, Siegfried Voigt wurde Co-Trainer. „Wir erlebten eine turbulente Zeit", so Voigt. „Es war so gut wie nie Geld da." Als der Abstieg feststand und am 20. Mai 1995 das letzte Spiel gespielt war, hatte er keine Hoffnung, dass sich der Leipziger (Männer-)Handball davon erholen würde. „Die Frauen hatten sich inzwischen etabliert, spielten erfolgreich in der Bundesliga, da sah ich kaum Chancen auf eine Korrektur für uns." Zumal beim SC DHfK das Kapitel leistungsorientierter Handball geschlossen wurde.

Bis zum Wiederbeginn 2007, der acht Jahre später mit dem Aufstieg in die Bundesliga gekrönt wurde. Voigt ist voller Respekt darüber, was die Verantwortlichen in diesen Jahren geleistet haben. „Und weiter leisten. Das muss man erst mal schaffen", sagt er anerkennend und erinnert noch einmal an den tiefen Fall von 1995.

Autor: Winfried Wächter