Saison 2009/10

Ganz oben, von der Bildfläche verschwunden und eindrucksvoll zurückgekehrt - die Geschichte des DHfK-Handballs verlief vielfältig wie in kaum einem anderen Verein. Wir erinnern in dieser Serie an den Weg der Grün-Weißen, der lange Zeit zu Ende schien, bis 2007 der Neustart erfolgte und bis in die Bundesliga führte. Heute: Stefan Kretzschmar steigt 2009 in Leipzig und überzeugt damit die letzten Zweifler.

Mit Prominenz und ohne Plan B

In der Saison 2009/10 gelang die Verpflichtung von Stefan Kretzschmar und der Sprung in die Drittklassigkeit

Wer solche Ratgeber in seinen Reihen hat, kann sich glücklich schätzen. Dieter Wöhler, der Europapokal-Sieger von 1966 war es, der den Neustart beim SC DHfK empfahl, als Karsten Günther und seine Mitstreiter 2007 einen Verein suchten, in dem sie ihre ambitionierten Pläne umsetzen konnten. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Klaus Franke, Wöhlers langjähriger Weggefährte und Torhüter der EC-Helden, hatte etwas später wesentlichen Anteil an einer Verpflichtung, die im deutschen Handball und sogar darüber hinaus, für erhebliches Aufsehen sorgte. Stefan Kretzschmar, neben Heiner Brand wohl das bekannteste Gesicht des deutschen Handball, gehört ab sofort zum Aufsichtsrat der DHfK-Handballer. Diese Nachricht überzeugte im Herbst 2009 die letzten Zweifler, dass die Truppe von Karsten Günther tatsächlich die nötigen Voraussetzungen für ihr kühnes Vorhaben schaffen könnte, in absehbarer Zeit in die Bundesliga vorzustoßen. Zwar war sie zuvor in die Oberliga abgestiegen, wenn nun aber „Kretzsche" in Leipzig mitmischen würde, dann ...

An dieser Stelle kommt Franke ins Spiel. Seit vielen Jahren ist er ein Freund von Kretzschmars Eltern, Waltraud und Peter. Waltraud Kretzschmar (gestorben am 7. Februar 2018) war eine der weltbesten Handballerinnen, spielte für den SC Leipzig, wo sie wie auch in der DDR-Nationalmannschaft von ihrem Ehemann Peter (gestorben am 9. September 2018) trainiert wurde. Franke folgte später Kretzschmar in beiden Trainer-Ämtern und kennt Sohn Stefan von dessen Geburt an. Nachdem der in Magdeburg seinen Abschied als Sportdirektor quittierte hatte und ein neues Betätigungsfeld suchte, traf er sich mit Franke, um sich über den SC DHfK zu informieren. Bei den Gesprächen war auch André Kohlmann, der Chef des Aufsichtsrates dabei, erzählt Franke. „Stefan hat sich vor allem auch dafür interessiert, ob das mit dem SC DHfK funktionieren könnte, da doch die SG LVB über viele Jahre die Nummer eins in der Stadt war." 2009 spielten die „Straßenbahner" sogar eine Klasse höher als die Grün-Weißen.

Kretzschmar schloss sich dem DHfK-Aufsichtsrat an, und wer meinte, das passiere nur auf dem Papier, wurde eines Besseren belehrt. Er führte viele Sponsorengespräche oder saß mit in der Runde, wenn es galt, jemand zu überzeugen. „In solchen Fällen war er mit seiner Bekanntheit bestimmt eine große Hilfe", so Franke. „Er dürfte ohne Zweifel so manche Tür geöffnet haben, weil dahinter auch Leute saßen, die den berühmten Handballer, der ja immer auffiel, kennenlernen wollten."

Aber Kretzschmar half auch im sportlichen Bereich. So trug er wesentlich dazu bei, dass im Februar 2010 der Argentinier Juan Pablo Fernandez verpflichtet wurde. Der damals 21-Jährige spielte in der zweiten spanischen Liga und war bei der Junioren-WM aufgefallen. Es sollte nicht Kretzschmars letzter personeller Coup gewesen sein.

Als das „ehrgeizigste Projekt im deutschen Handball" bezeichnete Kretzschmar die Ambitionen seines neuen Vereins. Dass es mit seinem Name in seiner Geburtsstadt eine besondere Bewandnis hatte, spürte er schnell. „Überall in Deutschland bin ich Kretzsche", erzählte er kurz nach seinem DHfK-Einstieg. „Nur in Leipzig nicht, da bin ich der Sohn von Traudl und Pit."

Kretzschmar saß jetzt also oft - sofern es seine Zeit als TV-Experte erlaubte - auf den Rängen der Grube-Halle und erlebte insgesamt eine Saison, die sportlich wie gewünscht verlief. Am Ende belegte die Mannschaft ungeschlagen den ersten Platz in der Oberliga, nur in Freiberg musste  sie beim Unentschieden einen Punkt lassen. Dieser Gegner wurde aber im Landespokalfinale am 1. Mai 2010 klar mit 30:21 bezwungen.

„Es gab in dieser Spielzeit keinen Plan B", erinnert sich Sven Strübin, der damalige Cheftrainer. „Es ging nur um A wie Aufstieg." Was im Prinzip auch nicht gefährdet war, wenngleich in HC Elbflorenz aus Dresden auch schon sehr ehrgeizig zu Werke ging und lange Paroli bot, den direkten Vergleich aber jeweils verlor.

Eine Niederlage kassierten die Leipziger dennoch in dieser Saison, die mit den Aufstiegsspielen in die neu geschaffene dritte Liga endete. Da Hermsdorf, das Team aus Thüringen, verzichtete, beschränkte sich die Ausscheidungsrunde auf zwei Partien gegen Oebisfelde. In Sachsen-Anhalt wurde 27:30 verloren, doch dem Optimismus im Lager der Leipziger schadete das Ergebnis kaum. „Mit drei Toren Unterschied zu verlieren ist keine Schande", hatte Strübin hinterher erklärt und war sich sicher, 24 Stunden später das Blatt zu Hause noch wenden zu können. Er behielt recht, am 9. Mai 2010 wurde nach dem 26:20-Sieg mit den fast 1500 Zuschauern der Aufstieg gefeiert. Rückraumspieler Ole Dietzmann, Rechtsaußen Maik Wolf und Torhüter Michael Galia standen damals bei ihnen besonders hoch im Kurs.

Der Verein war seinem großen Ziel ein weiteres Stück näher gekommen. Alle freuten sich schon auf die neue Saison in der neuen Liga, in der es allerdings nicht zu einem Ortsderby mit der SG LVB kommen würde. Der Stadtkonkurrent hatte als 13. in der Regionalliga die weitere Zugehörigkeit zur Drittklassigkeit verpasst und musste in der Oberliga neuen Anlauf nehmen.
Doch die Zusammenarbeit untereinander funktionierte. Wenige Tage vor dem Relegationswochenende gründeten der SC DHfK und die SG LVB gemeinsam mit dem Zweitligisten Concordia Delitzsch die Handball Akademie Leipzig/Delitzsch. Damit sollte der leistungsorientierte Handball der männlichen Jugend vorangetrieben werden, um mittelfristig an deren Bundesliga-Spielbetrieb teilzunehmen. Ein Grundstein für spätere bemerkenswerte Erfolge war damit gelegt.    

Die DHfK-Spieler in den erfolgreichen Relegationsspielen gegen Oebisfelde: Galia, Sarközi; Dietzmann, Leuendorf, Schepers, Wolf, Binder, Strehle, Fernandez, Jungandreas, Wagner, Ulrich, Fichtner, Schlichter

Autor: Winfried Wächter