Saison 2010/11

Ganz oben, von der Bildfläche verschwunden und eindrucksvoll zurückgekehrt - die Geschichte des DHfK-Handballs verlief vielfältig wie in kaum einem anderen Verein. Wir erinnern in dieser Serie an den Weg der Grün-Weißen, der lange Zeit zu Ende schien, bis 2007 der Neustart erfolgte und bis in die Bundesliga führte. Heute: wie die Leipziger Ambitionen 2010/11 endgültig in ganz Deutschland bekannt wurden.

Ein Coup zum Abschluss

Ein Trainer-Wechsel und zwei Promis - die Saison 2010/11 endete mit dem Aufstieg in die zweite Liga 

Er trug die Nachricht mit Fassung, hegte keinen Groll. Dabei hatte er durchaus gute Argumente, um seine Job zu behalten. Schließlich war Sven Strübin als Cheftrainer des SC DHfK im Herbst 2010 mit seiner Mannschaft alles in allem so in die Premieren-Saison der dritten Liga gestartet, wie es erwartet wurde. Gut, die Partie in Gensungen am 10. Spieltag hatte mit einer Pleite geendet, aber bis dahin war die Bilanz makellos. Und dass der Aufsteiger völlig ungeschoren davonkommen würde, hatte ohnehin kaum jemand erwartet. Zumal eine Woche später, am 21. November, in Baunatal ein klarer 37:30-Sieg gelang. Alles im Lot also.

Doch kurz danach wurde dem 23-Jährigen mitgeteilt, dass er ab sofort durch Uwe Jungandreas ersetzt werde und als dessen Co-Trainer fungieren sollte. „Diese Entscheidung", sagt Strübin rückblickend, „war nachvollziehbar. Wenn ein solcher Trainer wie Uwe auf dem Markt ist, war seine Verpflichtung irgendwie logisch. Das habe ich auch damals so gesehen." Auf den Markt war Jungandreas deshalb geraten, weil Concordia Delitzsch vor dem Start in die Zweitligasaison Insolvenz anmelden musste und nicht am Spielbetrieb teilnahm. Bis dahin war das Team von Jungandreas sehr erfolgreich betreut worden. 

Mit ihrem Trainer schlossen sich auch mehrere Delitzscher Spieler den Leipzigern an. Schon im Frühjahr hatten Eric Jacob und Philipp Seitle ihren Wechsel bekanntgegeben, später folgten Steffen Baumgärtel, René Boese, Thomas Oehlrich und Ulli Streitenberger.

Somit verfügte der ambitionierte Aufsteiger über einen erfahrenen Kader. „Das ist kein klassischer Drittligist", urteilte denn auch Sven-Sören Christopherson, als er mit den Berliner Füchsen in der dritten Runde des DHB-Pokals am 19. Oktober in der natürlich ausverkauften Grube-Halle antrat und nach einigen Anfangsschwierigkeiten klar 34:23 gewann. Der Stimmung tat das keinen Abbruch. Wie drei Jahre zuvor gegen den TBV Lemgo herrschte eine unbeschreiblich Atmosphäre, die Christophersen, den heutigen Sportlichen Leiter der Recken aus Hannover, durchaus beeindruckte. Berlins Torhüter Silvio Heinevetter musste besonders viele Hände schütteln, als er viele alte Bekannte aus gemeinsamen Delitzscher Zeiten traf.

Beim Auftritt des renommierten Bundesligisten mit ihrem Trainer Dagur Sigurdsson, der im deutschen Handball noch ein wichtige Rolle spielen sollte, wollten viele vor Ort dabeisein. Wer keine Karte mehr bekam, konnte die Partie dennoch live verfolgen. Sport1 - im April 2010 aus dem Deutschen Sportfernsehen (DSF) hervorgegangen - hatte die Partie zum Match der Woche erklärt und sich zu einer Live-Übertragung entschlossen. Nicht ohne Betreiben von Stefan Kretzschmar, den Experten des Senders und Aufsichtsratsmitglied des SC DHfK. Es sollte nicht „Kretzsches" letzte  hilfreiche Aktion in dieser Saison gewesen sein, um die ehrgeizigen Pläne der Leipziger in ganz Deutschland bekannt zu machen.

 

Unter diesen Umständen war dieser Pokal-Abend für die Leipziger Spieler natürlich etwas ganz Besonders. Er habe jede Sekunde genossen, sagte René Wagner nach dem Abpfiff. 2008 war er vom Zweitligisten FC Aurich um SC DHfK gekommen. Hier hatte seine Mutter Marlis Biber einst beim SC Leipzig gespielt. Als sie mit ihm schwanger war, wurde die schnelle Linksaußen von der sportlichen Leitung des Klubs vor die Alternative gestellt: Entweder Abtreibung oder Laufbahnende. Sie entschied sich für das Kind. Das ist freilich eine ganz andere Geschichte.

Zur Geschichte des Pokal-Abends gehört auch, dass die Leipziger erst einen „fernsehtauglichen Belag" organisieren mussten, weil der ursprüngliche zu viele Linien aus anderen Sportarten enthielt. 24 Stunden vorher rollte der LKW mit dem Belag aus Göppingen an, auf dem Frisch-Auf sonst seine Heimspiele austrug. Das Unternehmen kostete einige tausend Euro.

Von den Leipziger Vorhaben erfuhr das deutsche Handball-Publikum auch am 5. Februar 2011. Erstmals wurde das All-Star Game - Kretzschmar sei dank - in der Arena ausgetragen und wie immer live übertragen. Zu diesem Zeitpunkt lag die Mannschaft von Uwe Jungandreas in der Punktspielrunde zwar noch einen Zähler hinter der TG 1860 Münden auf dem zweiten Tabellenplatz der Staffel Ost, doch da der Spitzenreiter noch in Leipzig antreten musste - wo er auch 33:25 verlor - galten die Sachsen bereits als Favorit.

Sie setzten sich am Ende auch deutlich durch und mussten nun noch die Relegation um den Aufstieg zur zweiten Liga gegen die HSG Tarp-Wanderup und den Dessau/Roßlauer HV bestreiten. Dass die Mannschaft dafür stark genug schien, stand außer Frage. Doch es sollte nichts dem Zufall überlassen werden, und so hielt Kretzschmar Ausschau nach Verstärkung. Er wurde bei einstigen Weggefährten fündig, und somit überraschte der SC DHfK die Sportwelt mit der Verpflichtung von Joel Abati, dem französischen Weltmeister und Olympiasieger, und Goran Stojanovic, dem einstigen serbischen Weltklassetorhüter, für diese beiden Spiele. Die einstigen Profis hatten wie erwartet keine Probleme im Team, in dem sie vor allem für Ruhe und Ordnung in schwierigen Situationen sorgen sollten. Probleme bereitete jedoch Abatis Spielerpass. Der Linkshänder hatte zuletzt in Katar gespielt, es bedurfte vieler Telefonate und Emails, bis das Dokument gewissermaßen in letzter Sekunde endlich eintraf.

Der Plan mit Abati und Stojanovic ging auf, sowohl gegen Tarp-Wanderup (32:26) als auch gegen Dessau/Roßlau (32:25) wurde klar gewonnen. Entsprechend groß war die Freude nach dem letzten Spiel am 25. Mai 2011, als die Mannschaft von Kapitän Thomas Oehlrich von 2000 Fans vor der Grube-Halle gefeiert wurde. Vier Jahre nach dem Neubeginn war der SC DHfK in der zweiten Bundesliga angekommen.   

Autor: Winfried Wächter                                                                 

Relegation um den Aufstieg zur zweiten Bundesliga:

21. Mai 2011: HSG Tarp-Wanderup - SC DHfK 26:32 (11:15)

SC DHfK: Galia, Stojanovic – Dietzmann, Streitenberger 2, Baumgärtel 2, Oehlrich 6, Binder 1, Boese 7/2, Jacob 5, Wagner, Seitle 6, Telehuz, Abati 3

25. Mai 2011:  SC DHfK - Dessau/Roßlauer HV 32:25 (16:9)

SC DHfK: Galia, Stojanovic, Schulz; Dietzmann, Leuendorf, Streitenberger 5, Wolf, Baumgärtel 1, Oehlrich 4, Binder, Schepers, Boese 15/6, Jacob 1, Abati 3/1, Wagner 1, Seitle 2, Telehuz