Saison 2012/13

Ganz oben, von der Bildfläche verschwunden und eindrucksvoll zurückgekehrt - die Geschichte des DHfK-Handballs verlief vielfältig wie in kaum einem anderen Verein. Wir erinnern in dieser Serie an den Weg der Grün-Weißen, der lange Zeit zu Ende schien, bis 2007 der Neustart erfolgte und bis in die Bundesliga führte. Heute: wie die Leipziger ihr zweites Jahr in der 2. Bundesliga erlebten.

Ängste, Tränen und ein Desaster

Die Saison 2012/13 war vor allem von Unruhen geprägt - drei Cheftrainer sind dafür ein deutlicher Beleg

Drei Cheftrainer waren es am Ende, kurz vor Schluss weinten drei erwachsene Männer, und zwischendurch regierte die Angst, der SC DHfK könnte das Projekt erste Bundesliga wieder begraben - die Saison 2012/13 gehörte zu den aufregendsten und aufreibendsten in der Geschichte des Vereins.

Doch der Reihe nach. Die Spielzeit begann mit André Haber als Assistent von Uwe Jungandreas auf der Bank. Sven Strübin, bis dahin Co-Trainer, verfolgte nach seinem Psychologie-Studium andere Pläne, kehrte in seine Heimat-Region Baden-Württemberg zurück und arbeitet inzwischen als Teamleiter Personalplanung bei Mercedes-Benz. Nach Leipzig hat er schon deshalb noch enge Beziehung, weil seine Freundin aus der Stadt stammt. So oft es geht, besucht er Spiele seines früheren Vereins. Strübins ehemaligen Mitstreiter sind nicht überrascht, dass er auch in diesem Metier schnell Fuß gefasst hat. „Sven ist einer, der wahrscheinlich überall sehr gut zurechtkommt und sich durchsetzt“, sagt DHfK-Geschäftsführer Karsten Günther.

Nicht sonderlich gut zurecht kam damals der Zweitligist, und zwar von Anfang an. „Das begann schon in der Vorbereitung und setzte sich fort“, erinnert sich Jungandreas. Insbesondere die Ausfälle von Rückraum-Schütze Matthias Gerlich und Kapitän Thomas Oehlrich wogen schwer. „Wir hatten ständig Verletzte und fanden vor allem kein Rezept für eine stabile Abwehr.“ Die Erwartungen an seine Mannschaft nach dem überaus respektablen fünften Platz in der Vorsaison seien natürlich groß gewesen. Der Umzug von der Grube-Halle in die Arena Leipzig habe ebenfalls dazu beigetragen. Alexander Feld, Rico Göde, Pavel Prokopec und Torhüter Gabor Pulay waren verpflichtet worden, Philipp Seitle, Maik Wolf und René Wagner nicht mehr dabei. Seitle kehrte allerdings bereits im Dezember aus Neuhausen zurück. Das Aufgebot der Leipziger konnte sich durchaus sehen lassen.

Doch der Auftakt am 1. September 2012 ging prompt schief, gegen den ThSV Eisenach wurde zu Hause vor 2300 Zuschauern  24:28 verloren. Die Thüringer zählten ohne Zweifel zum Kreis der Aufstiegsfavoriten und schafften am Ende als Dritter hinter dem Bergischen HC und Emsdetten den Sprung ins Oberhaus. Ihre Rolle war auch den Leipzigern zu Saisonbeginn zugetraut worden, doch stattdessen rangierten die Männer von Jungandreas trotz einiger Lichtblicke gefährlich nahe an der Abstiegszone.

Der 32. Spieltag sollte endgültig die Weichen zu einem positiven Endspurt stellen. Die Partie am 4. Mai in Saarlouis geriet allerdings zum Desaster, der SC DHfK kam bei der 20:34-Niederlage regelrecht unter die Räder. „Danach ahnte ich, was möglicherweise passieren würde“, so Jungandreas. Er sei deshalb auch nicht überrascht gewesen, als auf der Rückfahrt im Bus sein Handy klingelte und das Display Maik Gottas als Anrufer zeigte. Gottas war damals Manager des Zweitligisten und bat den Cheftrainer für den nächsten Morgen zu einem Gespräch.

Sie kannten sich schon eine halbe Ewigkeit, hatten unter anderem gemeinsam im Nachwuchs des SC Leipzig gespielt. Als 1997 in Delitzsch bei der Concordia neue Pläne geschmiedet und der Aufstieg in die zweite Bundesliga als Ziel ausgegeben wurde, holte der dortige Manager Maik Gottas seinen Freund Uwe Jungandreas aus Freiberg. Ein Glücksgriff, wie sich zeigte. Doch im Frühjahr 2013, als beide längst in Leipzig zusammenarbeiteten, sah sich Gottas zur gegenteiligen Entscheidung gezwungen. „Unser gesamtes Projekt war in Gefahr geraten, würden wir absteigen, hätte es sich womöglich ganz oder für sehr lange Zeit erledigt“, erklärt Gottas. „Wir mussten handeln.“ 

Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, trafen sich Gottas, Günther und Jungandreas in der Geschäftsstelle, damals noch im Olympiastützpunkt. Sie setzten sich ins Freie, und Jungandreas wurde mitgeteilt, dass er entlassen sei. Das sei bitter gewesen, sagt er. Weil er überzeugt war, dass der Klassenerhalt geschafft werden würde. Und: „Es war meine erste und einzige Entlassung in meiner Arbeit als Trainer.“ Ihm wurde versichert, dass es nicht allein an ihm gelegen hätte. Aber irgendwie erreiche er die Mannschaft nicht mehr, deshalb der Schritt. „Am Ende des Gesprächs haben wir alle geheult“, beschreibt der Geschasste die Atmosphäre.

Auf Jungandreas folgte Michael Biegler. Dass es mit ihm (vorerst) ein sehr kurzes Intermezzo werden würde, war von vornherein klar. Er würde so lange bleiben, bis der Nicht-Abstieg gesichert sei, um  sich danach wieder ausschließlich um die polnische Nationalmannschaft zu kümmern. Biegler war von Aufsichtsrat Stefan Kretzschmar ins Spiel gebracht worden, beide kannten sich aus gemeinsamen Zeiten in Magdeburg. Mit einer seiner ersten Maßnahmen sorgte  Biegler für Aufsehen, er beorderte Kretzschmar als Co-Trainer auf die Bank. Nach vier Spielen (zwei Siege, zwei Niederlagen) hatte das prominente Duo das Ziel erreicht, der SC DHfK war endgültig gerettet.

Blieben noch zwei Spiele, für die der dritte Cheftrainer der Saison gesucht wurde. Man wurde schnell fündig. Beim vorletzten Spiel in Rostock (32:32) und der abschließenden Heimpartie gegen  Bittenfeld wurde dem 26-jährigen Haber die Verantwortung übertragen. Keine schlechte Entscheidung, wie sich schon damals zeigte, denn das Finale wurde 30:22 gewonnen. „André war 2012/13 also unser einziger Chef auf der Bank, der ohne Niederlage blieb“, sagt Gottas schmunzelnd.

Einige Tage vor dem letzten Spiel der unruhigen Saison hatte der SC DHfK den Cheftrainer für die kommende Spielzeit bekanntgegeben. Am 3. Juni teilte der Verein mit, dass der Vertrag mit dem 34-jährige Nachfolger von Jungandreas, Biegler und Haber  am 1. Juli 2013 beginnen würde. Sein Name: Christian Prokop.                                                                                         

Autor: Winfried Wächter