Lemgo war der Dosenöffner

Ganz oben, von der Bildfläche verschwunden und eindrucksvoll zurückgekehrt - die Geschichte des DHfK-Handballs verlief vielfältig wie in kaum einem anderen Verein. Wir erinnern in dieser Serie an den Weg der Grün-Weißen, der lange Zeit zu Ende schien, bis 2007 der Neustart erfolgte und bis in die Bundesliga führte. Heute: Der SC DHfK startete 2007 überzeugend mit einem sehr respektablen gegen Lemgo in seine Premieren-Saison und gewann auf Anhieb viele Fans.

"Lemgo war der Dosenöffner"

Mit dem Pokalspiel gegen den Bundesligisten setzten die DHfK-Handballer bei ihrem Neubeginn gleich ein Achtungszeichen

Die Handball-Welt stand 20 Minuten auf dem Kopf, als der SC DHfK gegen den TBV Lemgo 12:10 führte. Heute würde dieser Spielstand natürlich nicht mehr als außergewöhnlich oder gar sensationell angesehen werden. Aber damals - es war der 19. September 2007 und beide Mannschaften standen sich in der zweiten Runde des DHB-Pokals gegenüber - rieben sich die 1.500 Zuschauer in der Grube-Halle der Sportfakultät verwundert die Augen und glaubten kaum, was sie da sahen.

Erst wenige Wochen vorher war fast die komplette Handball-Abteilung der SG MoGoNo zum SC DHfK gewechselt, und die 1. Männermannschaft hatte das Spielrecht für die Oberliga Sachsen und das Startrecht im DHB-Pokal mit zum SC DHfK genommen. So begegneten sich also an diesem Mittwochabend der Viertligist und der mit zahlreichen aktuellen Weltmeistern gespickte Bundesligist. Ein ungleiches Duell, natürlich. Doch in der ersten Hälfte wurde dem großen Favoriten mächtig zugesetzt. Dass der am Ende noch klar 37:21 gewann, störte niemand mehr. Die Zuschauer hatten gesehen, dass es allen im Lager der Grün-Weißen ernst war mit ihrer Botschaft, möglichst bald in die Bundesliga aufzusteigen. Und so viel Sachverstand hatten sie freilich auch, um zu erkennen, dass hier ein David gegen einen Goliath antrat.

„Unser Plan mit der Bundesliga wurde damals ja noch von vielen belächelt", sagt Ferry Sarközi. „Doch dieses Spiel gegen Lemgo war gewissermaßen der Dosenöffner. Danach wurden wir mit unserem Vorhaben wesentlich ernster genommen." Sarközi war damals Co-Trainer, Chef auf der Bank war Karsten Günther. „Karsten hatte allen versprochen, dass sie zum Einsatz kommen würden. Gewissermaßen als Belohnung dafür, dass dieses Spiel überhaupt zustande gekommen war, weil wir in der ersten Pokalrunde gegen Baunatal gewonnen hatten", so Sarközi. Sein Neffe Stefan stand also 20 Minuten im Tor, wie auch Michael Hofer und der Lette Helmuts Tihanovs. Zum herausragenden Akteur bei den Leipzigern um Mannschaftskapitän Christian Hornig avancierte Masayuki Ishiguro, der Japaner gab seinen prominenten Gegenüber oft Rätsel auf. „Wenn ich mich recht erinnere, hatte Norbert Schlegel über die Sportfakultät gute Beziehungen nach Japan, so kam der Kontakt zustande." Schlegel war Hochschullehrer an der Uni, vorher MoGoNoAbteilungsleiter und wie Sarközi mit zum SC DHfK gewechselt. Der frühere Co-Trainer weiß noch gut, wie anerkennend sich die Gäste über die Bedingungen für dieses Spiel geäußert hatten. „Sie staunten schon, als sie auf dem Campus ankamen, so etwas hatten sie wohl nicht erwartet. Sie haben sich anschließend sehr bedankt und uns alles Gute gewünscht." Sarközi besorgte für Florian Kehrmann, den damaligen Rechtsaußen und heutigen TBV-Trainer noch ein Taxi, „weil er nach dem Spiel noch irgendwohin musste".

Uwe Kirchhoff gehörte damals zu den Akteuren, die in der Grube-Halle euphorisch gefeiert wurden. Der Linkshänder spielte im rechten Rückraum, und hatte sich schon auf ein Duell gegen Lars Kaufmann, seinen ehemaligen Weggefährten aus gemeinsamen Delitzscher Zeiten, eingestellt. Doch Weltmeister Kaufmann fehlte verletzt. „Na ja", sagt Kirchhoff, „gegen Lars hätte es für mich wohl nicht so viel zu verteidigen gegeben, er hätte mit seiner Wucht und Kraft die Bälle aus zehn Metern abgefeuert, und dann hätte es eingeschlagen." Dass es auch ohne Kaufmann nach der Zwei-Tore-Führung noch oft im Tor der Leipziger einschlug, ärgert Kirchhoff heute noch, zumindest ein bisschen. Vielleicht war die Pause schuld. In der soll Lemgos Trainer Peter Meisinger in der Kabine recht laut geworden sein.

Nach dem Spiel sammelte Kirchhoff eine neue Erfahrung. „Auf einmal kamen Journalisten auf uns zu und wollten unsere Meinung zu dem Spiel hören", erzählt Kirchhoff. „Dass das bei den HCL Handballerinnen in der Bundesliga normal war, wusste ich. Aber dann hielt mir auf einmal Raimo Hinsdorf das Mikrofon unter die Nase und stellte Fragen." Hinsdorf gehörte (und gehört) zur Sportredaktion von MDR info, heute MDR aktuell und war von der ersten Stunde an Wegbegleiter der DHfK-Handballer, wie auch Norbert Töpfer und Horst Hampe für die Leipziger Volkszeitung oder Andreas Viereckl auf der Leutzscher Welle.

Kirchhoff hatte an diesem 19. September 2007 noch mehr zu tun, als Tore zu werfen (das gelang ihm dreimal) beziehungsweise zu verhindern. Viele Spieler waren in die gesamte Organisation eingebunden. Dazu zählten der Ticketverkauf, die Vorbereitung der Halle mit dem Ausfahren der Tribünen und die Gestaltung des VIP-Raums. Letzteres war natürlich auch völliges Neuland für das junge Team. „Und entsprechend groß war unsere Aufregung, dass auch alles klappen würde", sagt Kirchhoff, der damals schon auf einer ABM-Stelle im Verein arbeitete. Heute ist er in der Handball-GmbH unter anderem für die Finanzen zuständig.

Drei Tage nach dem Pokalspiel gegen Lemgo startete der SC DHfK an gleicher Stelle in die Oberliga-Saison. Erster Gegner war der LHV Hoyerswerda, der vor 250 Zuschauern 32:26 bezwungen wurde. In Erinnerung sind aus dieser Spielzeit natürlich auch die Partien gegen den Ortsnachbarn LVB. Bei Uwe Kirchhoff aus besonderem Grund. Am 25. November erzielte er beim Hinspiel in der Brüderstraße den Siegtreffer zum 27:26. „Nachdem ich zuvor nur Fahrkarten geworfen hatte."

Am Ende der Spielzeit steig seine Mannschaft, die sich personell bereits sehr verändert hatte, überlegen in die Regionalliga auf. Als Meilenstein in der Geschichte des Vereins gilt aber in erster Linie die Partie gegen Lemgo. Deren Spielmacher Michael „Mimi" Kraus hatte sich mit folgenden Worten verabschiedet: „Es wäre schön, wenn der Weg der Leipziger nach oben führen würde." Acht Jahre später hatte sich sein Wunsch erfüllt.

 

Autor: Winfried Wächter