Concordia Delitzsch

Ganz oben, von der Bildfläche verschwunden und eindrucksvoll zurückgekehrt - die Geschichte des DHfK-Handballs verlief vielfältig wie in kaum einem anderen Verein. Wir erinnern in dieser Serie an den Weg der Grün-Weißen, der lange Zeit zu Ende schien, bis 2007 der Neustart erfolgte und bis in die Bundesliga führte. Heute: Concordia Delitzsch brachte 2005 die Bundesliga nach Leipzig, erlebte aber eine große Enttäuschung.

Der teure Irrtum

Concordia Delitzsch hatte 2005 große Hoffnungen auf den Umzug in die Arena gesetzt - vergeblich

Eine gehörige Portion Respekt schwang bei Alfred Gislason mit. Dabei war sein SC Magdeburg natürlich der klare Favorit gegen Concordia Delitzsch, Doch der Trainer des ostdeutschen Vorzeigeklubs wollte alles wissen über den Bundesliga-Neuling, vor allem über die Bedingungen in der Arena Leipzig. Speziell das Verhalten der Zuschauer interessierte den Isländer. Immerhin war mit fast 8000 Zuschauern zu rechnen. „Das wird möglicherweise schwer, wenn so viele gegen uns pfeifen", sagte Gislason wenige Tage vor dem Spiel am 14. September 2005.

Gislasons Befürchtungen konnten entkräftet werden. Concordia hatte sich nach dem Aufstieg entschlossen, seine Spiele in Leipzig auszutragen. „Ein Fehler", findet Uwe Jungandreas noch heute. „Vielleicht hätten wir einige Topspiele dort machen können. So aber hatten wie nie einen richtigen Heimvorteil", sagt der damalige Concordia-Trainer. Die Zuschauer interessierten sich in der Mehrzahl tatsächlich meistens für die namhaften Gegner mir ihren prominent Stars. Gegen Magdeburg war das nicht anders. 7603 Zuschauer bedeuteten für Leipzig eine Rekordkulisse, doch in der Mehrzahl waren die Besucher hauptsächlich an einem guten Spiel interessiert und weniger daran, die Delitzscher entsprechend anzufeuern. Concordia verlor gegen den SCM klar 24:36 und konnte sich allenfalls über die damalige Rekordkulisse freuen.

Jungandreas und seinen Männern wären die Punkte lieber gewesen, und dass die an diesem Mittwochabend in unerreichbarer Ferne lagen, war auch einem ihrer einstigen Mannschaftskollegen geschuldet. Silvio Heinevetter hatte sich nach dem Aufstieg in die Bundesliga zum Wechsel nach Magdeburg entschlossen und zeigte nun auf eindrucksvolle Art und Weise, was er zuvor in Delitzsch gelernt hatte. Für viele war längst klar, dass hier ein kommender Nationaltorhüter zwischen den Pfosten stand. Mit Lars Kaufmann hatte ebenfalls einer der wichtigsten Spieler Concordia verlassen. Der Rückraum-Schütze warf seine Tore nun für Wetzlar und machte das so gut, dass ihn der damalige Bundestrainer Heiner Brand in das Aufgebot berief, das 2007 mit dem Gewinn des WM-Titels Sportgeschichte schrieb. Bei Reisen mit dem Nationalteam oder bei Lehrgängen bezogen Kaufmann und Heinevetter oft gemeinsam Quartier, was Brand dann stets das „Delitzscher Zimmer" nannte.

Angesichts dieser personellen Umstände sei es für Concordia von vornherein schwer gewesen, die Klasse halten, sagt Jungandreas. Der mit dem Umzug in die große Arena aufgegebene Heimvorteil schmerzt ihn besonders. Die Hoffnung, dass in der Zeit, als Leipzigs Männerhandball nach dem Aus beim SC DHfK in der Versenkung verschwunden war, Delitzsch von den Leipziger Fans angenommen werden würde erfüllte sich nicht. Die damit verbundenen Erwartungshaltungen seien zu groß gewesen, sagt Jungandreas. „Klar war die Kulisse gegen Magdeburg hervorragend und für uns auch ein Riesenerlebnis", meint er. „Doch als wir gegen Großwallstadt spielten, waren nur 350 Zuschauer gekommen." Diese Partie hatte sei Team übrigens 27:26 gewonnen und damit einen der vier Siege geholt. Dass auch gegen den HSV-Hamburg ein Husarenstück gelang und die Pascal Hens & Co 26:24 geschlagen wurden, grenzte an ein Wunder. Was in der Endabrechnung freilich auch nichts mehr änderte, am Ende stiegen die Delitzscher als Tabellenletzter ab.

Begonnen hatte ihr Höhenflug, als Uwe Jungandreas 1997 geholt worden war. In Delitzsch wurden ambitionierte Pläne geschmiedet, zu deren Umsetzung ein ehrgeiziger Trainer gesucht wurde. Dass die Wahl auf Jungandreas fiel, ist einem seiner ehemaligen Spieler zu verdanken. Heiko Jahn war der Tippgeber, der einst beim SC Leipzig am Kreis agierte und unter ihm in Freiberg spielte. Er empfahl Jungandreas. Der sagte zu, weil ihm das ambitionierte Delitzscher Konzept gefiel, an dem auch CDU-Landrat Michael Czupalla einen großen Anteil hatte.

Jungandreas schaffte mit seiner Mannschaft auf Anhieb den Aufstieg in die zweite Bundesliga. Der Verein schlug sich in den Folgejahren überaus achtbar, die Nordsachsen wurde mehr und mehr in ganz Deutschland geschätzt. Vor allem auch deshalb, weil im Nachwuchs unter Trainer Matthias Wolf ausgezeichnete Arbeit geleistet wurde. Sie schafften es, die politischen Weichen so zu stellen, dass junge Handballer nicht mehr das Dresdner Sportgymnasium, sondern das in Leipzig besuchten. Zur Handball-Akademie gehörte auch Karsten Günther, dem auf Grund vieler Verletzungen der Durchbruch nicht gelang, dafür aber 2007 den Leipziger Männerhandball beim SC DHfK zu neuem Leben erweckte.

Jungandreas verfolgte dieses Vorhaben natürlich interessiert und war stets gut informiert. Sein Sohn Jan spielte dort, außerdem stand er oft in Kontakt mit Maik Gottas, der als Sponsor viele Jahre die Delitzscher unterstützt hatte und sich nach dem Neustart beim SC DHfK in Leipzig engagierte. Den Concordia-Trainer plagten in diesen Jahren andere Sorgen. Nach dem Bundesliga-Abstieg wurde wieder in Delitzsch gespielt, doch der Leipzig-Aufsnthalt hatte sich als zu teuer erwiesen, die Schulden waren weiter gewachsen. Auch deshalb, weil sich die Hoffnung auf eine Unterstellung durch die Leipziger Wirtschaft nicht erfüllt hatte. Altverbindlichkeiten in Höhe von 800.000 Euro wurden konstatiert, so dass im Juli 2010 Insolvenz angemeldet wurde.

Für Jungandreas und seine Spieler war das eine riesige Enttäuschung. Sie bereiteten sich gerade im Erzgebirge auf die bevorstehende Zweitliga-Saison vor, als sie die Nachricht erhielten. „Ich hatte dort 13 Jahre mit sehr viel Herzblut gearbeitet", beschreibt Jungandreas seine Emotionen. „Das war ein Schlag für uns." Er und viele seiner Spieler waren freilich danach sehr gefragt. Im November 2010 wurde Uwe Jungandreas Trainer des SC DHfK.

 

Autor: Winfried Wächter