SG LVB

Ganz oben, von der Bildfläche verschwunden und eindrucksvoll zurückgekehrt - die Geschichte des DHfK-Handballs verlief vielfältig wie in kaum einem anderen Verein. Wir erinnern in dieser Serie an den Weg der Grün-Weißen, der lange Zeit zu Ende schien, bis 2007 der Neustart erfolgte und bis in die Bundesliga führte. Heute: Als die LVB-Handballer nach dem DHfK-Fiasko ohne eigenes Zutun die Nummer eins in Leipzig wurden.

„Großer Respekt vor dem SC DHfK"

Warum sich LVB 1995 nicht als Nachfolger der Grün-Weißen sah

Davon hatte Fritz Schwarzkopf immer geträumt. Seine LVB-Handballer sind die Leipziger Nummer eins. Nun war es soweit. Allerdings ohne sein Zutun. Denn am Abstieg des SC DHfK 1995 aus der zweiten Bundesliga und am anschließenden Verschwinden von der Bildfläche hatte der LVB Abteilungsleiter natürlich keinen Anteil. Doch sein Regionalliga-Team, damals die dritte Liga, wurde damit zur höchstklassigen Leipziger Männermannschaft.

Zu Zeiten der DDR konnte LVB als Betriebssportgemeinschaft (BSG) natürlich nicht mit den staatlich geförderten Klubs SCL und SC DHfK mithalten. Doch der umtriebige Schwarzkopf setzte viele Hebel in Bewegung, um möglichst gute Spieler in seinen Verein zu holen. Vor allem solche, die beim SC Leipzig, dem die DHfK-Handballer bekanntlich 1975 beigetreten waren, ausgeschieden oder in Ungnade gefallen waren. Da lockte er schon mal mit einer Monatskarte für Bus und Bahn oder mit ansonsten nur schwer zur bekommenden Baumaterialien, sollte die Wohnung des Umworbenen gerade in einen besseren Zustand versetzt werden. Schwarzkopf, von Beruf Lehrer mit den Fachrichtungen Mathematik und Sport, hatte mit seinen Bemühungen durchaus Erfolg, wobei viele SCL-Spieler auch deshalb zu LVB wechselten, weil sie in Leipzig ihr Studium fortsetzen und weiter Handball spielen wollten.

Der größte Coup gelang Schwarzkopf diesbezüglich mit der Verpflichtung von Peter Rost und Lothar Doering, als LVB unter Trainer Manfred Kauerauf und seinem Co. Horst Hampe in die DDR-Liga, die zweithöchste Spielklasse des Landes, aufgestiegen war. Vor allem auch dank ehemaliger SCL-Akteure wie Rüdiger Schmeißer, Uwe Stemmler, Norbert Wagner, Matthias Wolf, Uwe Rahnefeld oder Hans-Peter Zugehör. Freilich hatten auch LVB-Urgesteine wie Hans-Peter Gaehn und Stefan Würzberger, sein Enkel spiel für die D-Jugend des SC DHfK in der Sachsenliga, ihren Anteil daran. Die Konkurrenz staunte jedenfalls nicht schlecht, als mit Rost und Doering zwei Olympiasieger von 1980 im LVB Trikot aufliefen. Wobei Rost um eine Sonderrolle gebeten und diese auch erhalten hatte. Bei den Spielen in Moskau fungierte er als Spielmacher im mittleren Rückraum („Besser kann man das nicht machen", hatte ihn Auswahltrainer Paul Tiedemann nach dem gewonnen Finale gegen die Sowjetunion gelobt), bei den LVBern stand er im Tor - und erledigte diese Aufgabe ausgezeichnet. Sein Sohn Frank war bekanntlich ebenfalls ein erstklassiger Schlussmann - allerdings im Fußball-Tor. Er spielte in der Bundesliga für Werder Bremen, Schalke 04 und den Hamburger SV.

Mit dem Fiasko der DHfK-Handballer von 1995 fiel LVB also zwangsläufig die Rolle zu, die sich Schwarzkopf immer gewünscht hatte. „Doch mehr als dritte Liga war unrealistisch", sagt Bernhard Krentz. „Alles andere wäre vermessen und finanziell nicht möglich gewesen. Als DHfK-Nachfolger konnten wir und nicht betrachten. Das hat auch Fritz akzeptiert." Die SG LVB verfolgte als Großverein - bis auf Kanu - keinerlei leistungssportliche Ambitionen.

Krentz war einer jener SCL-Spieler, die sich im Laufe der vielen Jahre LVB anschlossen. Über ein Jahrzehnt hatte er in der DDR-Oberliga für den Club gespielt, was auch insofern bemerkenswert erscheint, als er mit einer Körpergröße von nicht einmal 1,80 m keineswegs über ideale Voraussetzungen verfügte. Was ihn nicht daran hinderte, am Kreis und bei Kontern bemerkenswerte Akzente zu setzen. Als die Mauer gefallen war, wollte Krentz eigentlich nach Holland, genauer nach Beek. Dort hatte er sich mit einem Spieler angefreundet, als der SCL 1986/87 im Europapokal-Achtelfinale des EHF-Cups Blaw-Wit ausschaltete. Die Holländer verfolgten ehrgeizige Pläne und suchten erfahrene Akteure. Doch Krentz hatte sich in der letzten
Endrunde des DDR-Pokals das Kreuzband gerissen, so dass daraus nichts wurde. 1990 ging der 32-Jährige zu LVB. Ein gewisser Kay-Sven Hähner, der damals bei LVB auf Linksaußen spielte und dem später noch eine wichtige Rolle im Frauenhandball zukommen sollte, hatte ihn als Erster daraufhin angesprochen, kurz danach natürlich auch Schwarzkopf und LVB-Geschäftsführer Walter Kietz.

Krentz wurde 1995 LVB-Trainer (bis 2004) und hat sich immer geärgert, dass der Leipziger Männerhandball nach dem DHfK-Fiasko 1995 in die Bedeutungslosigkeit versank. „Es lag wohl vor allem auch daran, dass viele bekannte Spieler Leipzig verlassen hatten und sich niemand fand, der einen Neustart anstrebte." Sein Team, das er in all den Jahren gemeinsam mit Arnim Mühlberg, Maik Nowak, Harald Wittig und Jens-Peter Herold trainierte, erfreute sich durchaus großer Beliebtheit. 2003 wurde es als Regionalliga-Aufsteiger in Leipzig zur allgemeinen Überraschung von den Lesern der Leipziger Volkszeitung zur Mannschaft des Jahres gewählt, vor den VVL-Volleyballern als Bundesliga-Siebter und dem FC Sachsen, ebenfalls Aufsteiger in die
Regionalliga, gewählt. „Wir waren total überrascht und natürlich stolz", so Krentz.

An der Drittklassigkeit änderte das nichts. „Zum Glück schmiedeten dann Karsten Günther mit seinen Mitstreitern 2007 den großen Plan von der Renaissance des Männerhandballs", sagt Krentz und gesteht, dass er anfangs skeptisch war. „Zum Glück habe ich mich geirrt. Unglaublich, was da auf die Beine gestellt wurde und was die DHfK-Handballer alles erreichten. Großen Respekt vor dem SC DHfK." Krentz glaubt fest daran, dass der 2005 verstorbene Fritz Schwarzkopf dies nicht anders sehen würde.

Zur Leipziger Mannschaft des Jahres 2003 gehörten: Thomas Ranft, Frank Herrmann, Marco Kienitz, Florian Ladusch, Michael Heine, Marco Steinbeck, Christian Fricke, Jan Kostulski, Sten-Gunnar Zeitz, Enrico Markus (C), Sascha Krause, Marco Horschig, Ingo Schröder, Marcel Albrecht, Tom Steinbeck, Thomas Heerde, Jan Pampel.

Trainer: Bernhard Krentz, Co.: Jens Herold

 

 

Autor: Winfried Wächter