Der Vordenker

Ganz oben, von der Bildfläche verschwunden und eindrucksvoll zurückgekehrt - die Geschichte des DHfK-Handballs verlief vielfältig wie in kaum einem anderen Verein. Wir erinnern in dieser Serie an den Weg der Grün-Weißen, der lange Zeit zu Ende schien, bis 2007 der Neustart erfolgte und bis in die Bundesliga führte. Heute: Warum es für den Leipziger Handball nahezu ein Glücksfall war, dass Karsten Günther als ganz junger Mann so oft verletzt war.

Der Pechvogel wird Vordenker

Karsten Günther wollte ein erfolgreicher Handballer werden, musste aber nach vielen
Nackenschlägen die Seiten wechseln

Ohne die Pechsträhne des jungen Mannes wäre Leipzigs Handball heute immer noch nicht in der Bundesliga. Sagen viele, die den ehemaligen Linksaußen gut kennen und mit ihm gelitten haben, als ihn immer wieder schwere Verletzungen zurückwarfen. Am Ende musste er seine sportlichen Hoffnungen begraben, weil drei Kreuzbandrisse einfach zu viel waren. Karsten Günther, so heißt der einstige junge Spieler, wandte sich anderen Dingen zu und sorgte dafür, dass die große Tradition der DHfK-Handballer nicht in der Versenkung verschwand. Solche Beschreibungen mag Günther nicht. Denn die seien zu sehr allein auf seine Person fixiert. „Da gab es ganz viele Leute, die dazu beigetragen haben", wehrt er ab. Was natürlich stimmt. Aber er hat es initiiert, galt als Antreiber und Vordenker, der die anderen mitzog und Gleichgesinnte um sich scharte.

Dass er auf diese Art und Weise im Handball für Aufsehen sorgen würde, entsprach zunächst nicht seinen Intentionen. Der Erzgebirger - 1981 geboren in Schlema, aufgewachsen in Zwönitz - wollte ein guter und möglichst erfolgreicher Spieler werden. Doch zunächst zog es ihn als Kind in der Grundschule zur Leichtathletik, wo die Tendenz womöglich zur Mittelstrecke gegangen wäre. „Dann haben mich Kumpels überredet, mit zum Handball zu kommen. Das habe ich gemacht." Es war vorbei mit der Leichtathletik. Doch Rennen über einen längeren Zeitraum, das konnte er, und diese Fähigkeit wirkte lange nach. Denn als er später als Handballer den so genannten Cooper-Test (zwölf Minuten auf der Stadion-Bahn so weit wie möglich laufen) absolvieren musste, schaffte er 3600 m. Das war schon im Jahr 2000. Damals gehörte Günther zur Nachwuchsakademie von Concordia Delitzsch, wo ihn Trainer Matthias Wolf vom Rückraumspieler zum Linksaußen umgeschulte. Dabei wollte Günther ursprünglich zum SC Magdeburg. Dort hatte er sich schon sein Internatszimmer angeschaut und sich von Olympiasieger Ingolf Wiegert, der beim SCM damals für den Nachwuchs verantwortlich war, alles zeigen lassen.

Der Umzug fiel aus. Ein Bruch des Schienbeinkopfes kam dazwischen und hätte die Handballlaufbahn in der B-Jugend schon fast beendet. Unter anderem musste Michael Ballack, langjähriger Kapitän der Fußball Nationalmannschaft, nach dieser Knie-Verletzung seine Fußballschuhe an den Nagel hängen. Doch Günther wollte sich damit nicht abfinden und kam nach zwei Jahren Reha in der A-Jugend zurück aufs Parkett. Mit seinem Heimatverein, dem Zwönitzer HSV, forderte er die Nachwuchsakademie von Concordia Delitzsch im Kampf um den Sachsenmeistertitel heraus und unterlag nur knapp gegen das Team um den späteren Weltmeister Lars Kaufmann.

Nach erfolgreichem Abitur wechselte Karsten Günther dann ins Juniorteam der Delitzscher, wo er neben Kaufmann auch an der Seite von Silvio Heinevetter trainierte, der aktuell für die deutsche Nationalmannschaft aufläuft. Das hätte der Schwarzschopf auch gerne getan. Doch es folgte vielmehr eine unglaubliche Verletzungssträhne. Allein 2001 riss er sich zweimal das Kreuzband, im Februar in einem Spiel gegen die SG LVB und im Juni, zwei Tage vor seinem Geburtstag. Als der Pechvogel wieder Hoffnung schöpfte, rutschte er im Januar des nächsten Jahres auf einer Pfütze aus - dritter Kreuzbandriss. „Dann war Schluss, die Ersatzteile waren aufgebraucht", kommentiert Günther trocken. Es lässt sich denken, wie es in ihm aussah, nachdem sich seine großen Hoffnungen endgültig zerschlagen hatten. „Ich glaube, er hätte ohne diese Dinge den Sprung in die Bundesliga schaffen können", sagt Matthias Wolf. „Denn wenn ihn etwas auszeichnete, dann war es sein unglaublicher Ehrgeiz. Er wollte immer dazulernen."

Mit dieser Einstellung fiel der nunmehr ehemalige Handballer auch an der Sportfakultät der Uni Leipzig während seines Studiums auf. Rudi Schumann hatte ihn unterrichtet und war dabei auf einen Studenten gestoßen, der alles wissen und vor allem auch irgendwie anwenden wollte. „Karsten hat immer 100 Prozent gegeben", lobt Schumann. Der Volleyball-Weltmeister von 1970 - bei der Endrunde in Bulgarien als bester Spieler ausgezeichnet - war deshalb auch in keiner Weise überrascht, als sein ehemaliger Student Leipzigs Männerhandball mit einem kühnen Projekt wieder auf die Landkarte setzte. „Dass er sich dafür mit allem, was er hatte, einsetzen würde, war mir klar", so Schumann.

Günther hatte (und hat) vor allem das Vermögen, auf Leute zuzugehen und sich nicht beirren zu lassen. Als er 2004 als Student für neun Monate nach Barcelona kam, um an der dortigen Sporthochschule vom Co-Trainer des FC Barcelona zu lernen, war dieser kurz zuvor zum Chefcoach befördert worden und hatte seinen Job an der INEF Catalunya aufgegeben. Deshalb stellte sich der Sachse persönlich bei Xesco Espar vor und vereinbarte mit ihm statt dem Handballkurs ein Praktikum beim FC Barcelona. Dort hospitierte er bei jedem Training, schloss Freundschaft mit Weltklassespieler Iker Romero und wurde Zeuge, wie Barca im Frühjahr die Champions League gewann. Zum Abschied erhielt Günther Romeros Trikot. Beide reden noch immer über diese Zeit, wenn sie sich treffen. Man sieht sich durchaus regelmäßig, Romero ist
bekanntlich Co-Trainer in Hannover.

Zurück in Leipzig arbeitete Günther als Kellner, schließlich musste Geld verdient werden. Er bediente die Gäste in der Moritzbastei und im Tulamahasch und weiß noch gut, dass die Bratwurst mit Brötchen damals 1,50 Euro kostete und es mehr Trinkgeld gab als Lohn. Zu dieser Zeit gehörte der ehemalige Zwönitzer schon zu MoGoNo Leipzig und betreute neben der Uniauswahl die Oberliga Herrenmannschaft als Co-Trainer. Bei diesem traditionsreichen Verein stieß er unter anderem auf Peter Pausch und Norbert Schlegel, mit denen er die großen Pläne schmiedete, Leipzigs Männer wieder in die Bundesliga zu führen. Das Trio sprach beim damaligen Platzhirsch SG LVB vor, was naheliegend war, erhielt aber eine Absage. Der entscheidende Tipp kam schließlich von Dieter Wöhler. Das DHfK-Urgestein - er hatte mit den Sportstudenten 1966 den Europapokal geholt - war Pausch's Kollege an der HTWK - schlug vor, es doch beim SC DHfK zu versuchen. Ein Rat, der sich als goldrichtig erweisen sollte.

2007 vollzogen die MoGoNo-Handballer den Wechsel, Günther wurde bei den Grün-Weißen Trainer der ersten Mannschaft und Abteilungsleiter. Alles hatte in der Oberliga, der damaligen vierten Liga, bei Null begonnen. „Einen Etat in dem Sinne hatten wir nicht", erinnert sich der zweifache Familienvater, „aber Maik Gottas unterstützte uns beim Neustart und hat die erste Saison fast alleine finanziert." Mit dem Freiberger Brauhaus, Arlt Wach- und Schutzdienst, Zimo Kopie und der Sportfabrik konnten die ersten Sponsoren gewonnen werden und ganz viele kamen hinzu. Heute liegt das Budget bei 5,4 Millionen Euro, die zu einem großen Teil von etwa 250 Sponsoren aufgebracht werden.

Es ist eine Erfolgsgeschichte, die mit etwas weniger Verletzungspech für den gebeutelten jungen Handballer aus dem Erzgebirger womöglich nicht gestartet worden wäre.

 

Autor: Winfried Wächter