Zeitzeuge beim Zeitlimit

Die DHfK-Kolumne vor dem Heimspiel gegen Hannover

Foto: Rainer Justen

Bei einigen Themen kann ich mich nicht auf praktische Erfahrungen berufen. Das wäre vermessen, denn dazu verlief meine Handball-Laufbahn viel zu bescheiden. Aber bei der Shotclock, die jetzt wieder vor allem von Nikolaj Jacobsen ins Spiel gebracht wurde, darf ich mitreden und kann sogar persönliche, freilich keine taufrischen Erlebnisse anführen. Wenn es also darum geht, die Dauer des Angriffs zu begrenzen - wie von Jacobsen gefordert -, kann ich mich ruhigen Gewissens dazu äußern. Da bin ich gewissermaßen Zeitzeuge. Wenngleich es schon eine ganze Weile zurückliegt - fast 50 Jahre nämlich -, als in der Junioren-Oberliga der DDR diese Vorgabe erfüllt wurde.

Es war nach meiner Erinnerung in der Saison 1970/71, als die Angreifer 60 Sekunden (es können auch 50 gewesen sein) Zeit zum Abschluss hatten und wir mit dem SC Leipzig zum dritten Mal in Folge die DDR-Meisterschaft gewannen. Jeweils vor dem SC Magdeburg, bei dem immer ein gewisser Wieland Schmidt im Tor stand. Ihn habe ich, als ich von den Überlegungen Jacobsens hörte, gleich gefragt, ob er sich an das damalige Zeitlimit und vor allem auch an die ständigen Niederlagen gegen uns erinnern kann. Der Olympiasieger von Moskau konnte es nicht, auch nicht - was freilich zu erwarten war - an die Pleiten gegen uns.

Jacobsen plädiert für etwa 40 Sekunden, damit das Spiel schneller werde. Dem Coach der Rhein-Neckar Löwen dauert es zu lange, bis etwas passiert. Eineinhalb bis zwei Minuten würden mitunter vergehen, so hat er festgestellt. Kleinere Mannschaften hätten dadurch mehr Chancen, wird er zitiert.

Nun glaube ich, dass die angeführten zwei Minuten die absolute Ausnahme sind. Bislang hatte ich in der Arena auch nicht den Eindruck, als ob man sich grundsätzlich zu viel Zeit mit dem Wurf aufs Tor ließe. Nur wenn der Gegner im Ballbesitz ist, kommt es mir manchmal so vor. Aber dieses Urteil beruht auf Beobachtungen durch die lokalpatriotische Brille und ist daher zu vernachlässigen. Und dass kleinere Mannschaften das Spiel mit etwas - sagen wir - Zurückhaltung angehen und ihr Heil nicht in der Flucht nach vorn suchen, liegt in der Natur der Sache und sollte einem Außenseiter auch erlaubt bleiben. Durchschnittlich um die 50 Angriffe, die für den SC DHfK in seinen ersten zwölf Partien statistisch erhoben wurden, erscheinen mir auch nicht gerade wenig.

Ich habe mit dem gegenwärtigen Regeln jedenfalls kein Problem, zumal ich mich an die schnelle Mitte schnell gewöhnt habe, auch an die sechs noch erlaubten Pässe, sobald das passive Spiel  angezeigt ist. Nur der siebte Feldspieler wird wahrscheinlich nie mein Freund, aber das kann ja noch werden. Das Spiel muss nach meiner Meinung auch nicht noch schneller werden, jedenfalls nicht durch eine Regeländerung.

Wieland Schmidt sieht das auch so. Er plädiert vielmehr dafür, dass die Schiedsrichter öfter von ihrem Recht Gebrauch machen, schon vor dem sechsten und letzten Zuspiel auf Zeitspiel zu entscheiden, wenn sie den Eindruck haben, dass der Zug zum Tor zu wünschen übrig lässt. Er hat noch ein weiteres Beispiel parat, wie schon vor vielen Jahren dem Problem des zu langen Spielens begegnet wurde. Bei einem Turnier mit mehreren Nationalmannschaften 1976 in Jugoslawien wurde das Angriffslimit auf 45 Sekunden beschränkt, deshalb in den Ecken des Feldes extra Uhren aufgestellt.

Zu unserer Junioren-Zeit wurde die verbleibenden Sekunden in bestimmten Abständen vom Kampfgericht hereingerufen, was Klaus Gruner bestätigt. Er gehört zu meiner damaligen Mannschaft und holte gemeinsam mit Schmidt 1980 den Olympiasieg. Demnächst wird es ein Telefonat zwischen ihnen geben, kündigte der einstige Rückraumspieler an. Nicht wegen der Zeitspiel-Diskussionen. Da sind sie sich einig. Aber über die Reihenfolge in der Junioren-Oberliga vor 50 Jahren müsse wohl noch einmal das Gespräch gesucht werden, so Gruner, der ehemalige Leipziger. Er sieht Klärungsbedarf.

Erstellt von Winfried Wächter