Fragen und Widersprüche in unnormalen Zeiten
Foto: Klaus Trotter

Von Sportjournalist Winfried Wächter:

Ein guter Freund von mir lebt seit einiger Zeit im Altersheim. Ihn zu besuchen, war 2020 ein Kapitel für sich, weil der Zutritt oft verwehrt wurde. Blieb das Telefon, und egal ob wir uns im Sommer – da war ja alles erlaubt – direkt gegenüber saßen – oder zuvor und danach telefonierten, stets lautete eine seiner ersten Fragen: „Wie geht‘s Prokop?“

Mein Freund heißt Rainer Baumann und ist 90 Jahre alt, er war früher erfolgreicher Fußballer bei den Chemikern in Leutzsch (Spitzname Röhre) und ist nach wie vor auch sehr am Handball interessiert. Erst recht wurde er es wieder, als die Leipziger unter Christian Prokop 2015 in die Bundesliga aufgestiegen sind. Dass Prokop Anfang Februar nach einer sehr ordentlichen EM als Bundestrainer entlassen wurde, beschäftigte Baumann das ganze Jahr über. Eine Antwort konnte ich ihm nie geben, weil ich nicht weiß, wie es Prokop geht. Natürlich hoffe ich, dass er die Enttäuschung inzwischen überwunden hat, einigermaßen jedenfalls. Und dass er in den Handball zurückkehrt, sobald wieder normale Zeiten eingezogen sind.

2020 war bekanntlich wenig bis nichts normal, die meisten werden den Schlusspfiff für dieses Jahr daher wohl nicht bedauern. Dem Handball wurde zunächst im Frühjahr die Rote Karte gezeigt, und im Herbst wurden die Zuschauer ausgeschlossen. Leere Ränge waren der Preis dafür, dass überhaupt gespielt werden durfte. Bei den Profis, wohlgemerkt. Amateuren und Nachwuchs blieben die Hallen schließlich ganz verwehrt, um ja die zweite Welle der Pandemie zu brechen. Die zweite Welle kannte ich bislang im Wesentlichen nur aus dem Handball, wenn nach dem ersten – erfolglosen – Konterläufer durch den oder die schnellen Nachrücker noch einmal Druck auf die Abwehr ausgeübt wird.

In dieser Hinsicht hat der SC DHfK in den letzten Monaten unter André Haber beachtliche Qualitäten entwickelt. Kein Gegner bekommt eine Ruhepause, er muss nach Ballverlust und selbst nach erfolgreichem Angriff mit sofort davonsprintenden Leipzigern rechnen. Leider konnten sie vor allem im letzten Spiel des Jahres gegen Flensburg diese Stärke nicht abrufen, verloren verdient und gehen somit als Sechster in die WM-Pause. Das klingt nicht schlecht, doch angesichts der Auftritte zuvor in Minden und den Pleiten in Stuttgart und Erlangen ist mit Blick auf die Tabelle unschwer zu erkennen, dass eine noch bessere Ausbeute möglich war. Die Widersprüche schienen unerklärlich und warfen Fragen auf.

Was der Mannschaft fehlte, war Konstanz – ohne natürlich verletzungs- und Corona-bedingte Ausfälle zu unterschlagen. Welches Potenzial in diesem Team steckt, hat es vor allem bei seinen Siegen in Mannheim gegen die Rhein-Neckar und zu Hause gegen Magdeburg gezeigt. Wenn die Mannschaft geschlossen agiert, nicht nur zwei oder drei Spieler ihre Normalform erreichen, kann sie jeden Gegner jedenfalls richtig ärgern und sogar schlagen. Diese Geschlossenheit wurde zu oft vermisst, wie auch die Quote der technischen Fehler oft viel zu hoch ausfiel. Da half es dann auch nicht, dass die Abwehr – so beim Spiel in Minden – durchaus überzeugte. In der Defensive liegt also nicht das Problem des SC DHfK. Es sind in erster Linie die einfachen Ballverluste, die in zu großer Zahl passieren und den Kontrahenten daher als unerwartete Geschenke präsentiert werden. Wenn es ab 6. Februar – zum Auftakt wartet allerdings der phänomenale neue Champions-League-Sieger THW Kiel – gelingt, diese Schwächen abzustellen, sollte vieles möglich sein. Weil ohnehin nicht anzunehmen ist, dass die Grün-Weißen ihre kämpferischen und emotionalen Tugenden vernachlässigen, die ihnen im Blut zu liegen scheinen.

Aber jetzt wird erst einmal die WM in Ägypten gespielt, deren Austragung auf große Vorbehalte stößt. Viel zu gefährlich sei ein solch großes Turnier in Zeiten einer Pandemie, sagen Kritiker. Wichtige deutsche Spieler haben daher ihre Teilnahme abgesagt. Der Handball brauche diese wichtige öffentliche Bühne, halten die Befürworter dagegen und vertrauen dem Hygienekonzept der Organisatoren. Nun ist es schwer vorstellbar, dass für die 32 Mannschaften während der WM eine solche Blase geschaffen werden kann, dass es zu keinen positiven Fällen kommen wird. In erster Linie werden die Partien also immer mit der Hoffnung begleitet, dass alles gut gehen möge, die richtigen Maßnahmen getroffen werden und alle Spieler wieder gesund nach Hause kommen. Zwischendurch werde ich mit meinem Freund Baumann die Spiele und die Lage telefonisch erörtern. Ich weiß, was er mich wieder fragen wird.

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