Was fehlt und was bleibt
Foto: Klaus Trotter

Zur Arena ist es für mich nicht weit, vielleicht sind es 200 m. Ich könnte also sieben, acht Minuten vor Anwurf, so habe ich ausgerechnet, aus dem Haus gehen und wäre immer noch rechtzeitig in der Halle. Meistens gehe ich aber eine halbe Stunde vorher, um vor dem Eingang noch eine Bratwurst zu essen. Das ist wie ein Ritual. Ebenso, dabei den Gesprächen zuzuhören, wenn die Fans die Chancen ihrer Grün-Weißen, deren letztes Spiel und die Stärken des Gegners diskutieren.

Beides fehlte am Sonntag, die Fans und der Bratwurststand. Ein paar Spaziergänger verliefen sich an jener Stelle, wo sonst riesiges Gedränge herrscht. Doch auch der Ost-Klassiker gegen den SC Magdeburg fand ohne Zuschauer statt. Abgesehen natürlich von denen, die die Fernsehübertragungen live traditionell bei Sky oder diesmal auch beim MDR verfolgten.

Auf dem Weg zur Pressetribüne – ich hatte eine Akkreditierung – begegnete mir: niemand. Der ganze lange Gang, wo ich sonst immer viele Freunde und Bekannte treffe, war menschenleer, alles wirkte surreal. Dass es aber auch unter solchen Umständen möglich ist, sportliche Höchstleistungen zu vollbringen, hat das Derby gezeigt, das ein volles Haus mehr als verdient gehabt hätte. Und dass es für die Leipziger mit einem Sieg endete, ist angesichts ihrer schwierigen Vorgeschichte um so erfreulicher. Wie kaum ein anderes Team waren sie bekanntlich von Corona betroffen und hatten daher nach wie vor wichtige Spieler nicht zur Verfügung. So mussten zwangsläufig andere in die Bresche springen und taten das hervorragend.

Gregor Remke ist dafür vielleicht das beste Beispiel. Sein Mut – im Angriff und in der Abwehr – war auch insofern bemerkenswert, als ihm in den letzten Spielen nicht alles so gelungen war, wie er es sich vorgenommen hatte. Diejenigen, die ihn schon lange kennen, wissen, was er kann. Jetzt wissen es alle, die dieses Spiel gesehen habe. Auch der Auftritt von Niclas Pieczkowski, der aus einer langwierigen Verletzung kommt, war mehr als bemerkenswert. Über Joel Birlehms Paraden, mit denen er in der Schlussphase den Magdeburger Schützen den Zahn zog, war ich dagegen weniger überrascht. Das klingt möglicherweise merkwürdig, aber für mich gehört er ohnehin zu den besten deutschen Torhütern in der Bundesliga. Weshalb ich auch nicht verstanden habe, dass er von Bundestrainer Alfred Gislason nicht für den erweiterten EM-Kader nominiert wurde. Doch das ist ein anderes Thema.

Den drei Genannten ist der prestigeträchtige Erfolg natürlich nicht alleine zu verdanken. Dazu gehörten alle, die auf dem Feld standen oder auf der Bank saßen und dort für Stimmung sorgten. Auch die wenigen zugelassenen Trommler aus dem Helferteam des Vereins gaben alles und verdienten sich auch die Anerkennung von Gäste-Trainer Bennet Wiegert, weil sie ein bisschen Handball-Atmosphäre schufen.

Vor der Saison, als schon Geisterspiele drohten, sagte mir Lukas Binder, dass er sich das überhaupt nicht vorstellen könne. „Ich habe schließlich immer vor Zuschauern gespielt. Schon als ich anfing, waren Verwandte und Freunde immer da“, erklärte er. Nach dem Sonntag-Triumph fand er, dass es geht. „Und zwar dann, wenn man einmal im Kampfmodus ist.“  Vor dicht gefüllten Rängen falle das freilich leichter.

Doch die blieben nun mal leer, und alle wüschen sich, dass dieser Zustand möglichst schnell vorbeigehen möge. Dabei wissen sie auch, dass sich ihr Wusch wohl nicht so schnell erfüllt. Weil aber die Männer von Cheftrainer André Haber die harte Woche mit drei Spielen nunmehr positiv (zwei Unentschieden, ein Sieg) gestaltet haben, können sie daraus viel Positives mitnehmen. Gesteigertes Selbstbewusstsein und Vertrauen in eine großartige Moral sollten bleiben. Ohne natürlich davon auszugehen, dass nun jedes Spiel gewonnen wird.

Als die Partie zu Ende war, saß Karsten Günther noch minutenlang alleine auf der Auswechselbank, auf der zuvor der SCM Quartier bezogen hatte. Von der Gegenseite war der Geschäftsführer nicht sofort zu erkennen – Masken erschweren das zurzeit. Doch er war es, und seine Haltung verriet, welche Last von ihm abgefallen war. Man konnte förmlich sehen, welche Verantwortung auf seinen Schultern ruht. Am liebsten hätte ich ihm sofort eine Bratwurst geholt.

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