Bodo Fischer

Die Crux mit der Kopfkippe

Torhüter Bodo Fischer war geachtet für seinen Ehrgeiz und beliebt für seine Sprüche

Er probierte und probierte. Immer wieder ging Bodo Fischer in den Kopfstand, um dann abzurollen und zum Stehen zu kommen. Es wollte einfach nicht mehr klappen, obwohl es doch vorher schon ganz gut ausgesehen hatte. Kopfkippe lautete der Begriff für die Übung. Für den Sportstudenten an der Deutschen Hochschule für Körperkultur sah es Anfang der 60-er Jahre nicht gut aus in seiner Turnprüfung, der Prüfer senkte schon den Daumen. Doch Fischer übte immer weiter - und plötzlich funktionierte es wieder. „Ich bin dann dem Turnlehrer hinterhergerannt, der die Halle schon verlassen hatte", berichtet Dieter Wöhler. „Ich habe gerufen: Jetzt kann's der Bodo!" Die Prüfung wurde noch einmal abgenommen - und verlief erfolgreich.

Wer jetzt die Nase rümpft und meint, die Kopfkippe sollte doch für einen Sportstudenten eine relativ einfache Übung sein, muss wissen, dass Fischer fast 1,90 m groß war, ihm nur ein Zentimeter zu dieser Marke fehlte. Da müsse man erst einmal alles koordinieren, und das sei nicht immer einfach, weiß der nur unwesentlich kleinere Wöhler. „Aber Bodo hat halt nie aufgegeben, wenn ihm etwas misslungen war."

Frischer kann zu dieser Episode nicht mehr befragt werden, er ist 2009 gestorben, mit 69 Jahren. Er war sehr beliebt in der Mannschaft, geschätzt für seinen Ehrgeiz, seine Fairness und seinen Humor. Deshalb, vermutet Wöhler, würde seinem einstigen Teamkollegen ganz sicher auch ganz bestimmt eine passende Bemerkung zur Geschichte mit der Kopfkippe und der fast verpatzten Turnprüfung einfallen.

Klaus Franke, sein Torhüterkollege beim SC DHfK, erinnert an eine andere Geschichte, in der Fischer nicht vom Glück verfolgt war. „Ich war im Team eigentlich die Nummer zwei hinter Bodo", erzählt Franke. „Doch dann brach er sich die Hand, und ich konnte die Chance nutzen. Aber wer weiß, wie alles verlaufen wäre, hätte er sich nicht verletzt." So kam es, dass Franke unter anderem im EC-Finale gegen Honved Budapest im Tor stand und anschließend als Held gefeiert wurde. Fischer erreichte im Gegensatz zu seinen DHfK-Kollegen allerdings noch einmal ein Europapokal-Endspiel, dazu später mehr.

Franke und Fischer bezogen bei den Wettkampfreisen zumeist ein gemeinsames Zimmer. Wobei man sich die Häufigkeit nicht so vorstellen dürfe wie heute, wo Übernachtungen bei Auswärtsspielen zur Normalität gehören. „Zu unserer Zeit sind wir meistens früh zum Spiel gefahren und danach zurück", so Franke. Auslandsaufenthalte, so auch beim Europapokal, dauerten freilich länger, bei denen das Torhüter-Gespann gemeinsam Quartier bezog. Und dann oft zusammen in die jeweilige Stadt einen Ausflug unternahm. So auch in Tunis, als sie gemeinsam den Markt besuchten. „Und Apfelsinen kauften, die viel zu süß waren und daher nicht besonders schmeckten." Franke kann nicht erklären, warum ihm ausgerechnet dieses Erlebnis mit Fischer in Erinnerung geblieben ist. „Vermutlich liegt es auch daran, dass Bodo wieder einen lockeren Spruch losgelassen hatte." Fischers Spitzname, so Franke, lautete übrigens Nante, wie der berühmte Berliner Eckensteher. Wer der Ideengeber für diese Namensgebung des DHfK-Torhüters war, weiß Franke nicht mehr. Wohl aber geht er davon aus, dass das Original, das im 19. Jahrhundert an der Ecke Königstraße/Neue Friedrichstraße das Geschehen um ihn herum stets auf originellen Art und Weise kommentierte, angesichts Fischers Sprüchen dabei Pate gestanden hatte.

Auch Wolf-Dietrich Neiling erinnert sich gerne an den ehemaligen Mitstreiter. Der sei zwar stets eher ruhig gewesen und habe sich ganz gewiss nicht in den Vordergrund gedrängt. „Aber er war immer für einen kessen Spruch gut, damit konnte bei ihm immer gerechnet werden." Und noch etwas ist dem ehemalige Kreisspieler in Erinnerung. Fischer sei nicht nur ein guter guter Torhüter gewesen, sondern auf dem Großfeld auch ein überaus akzeptabler Feldspieler und vor allem in der Abwehr eine willkommene Verstärkung.

Dass Fischer ein eher ruhiger Zeitgenosse war, bestätigen auch seine Berliner Kollegen. Nach der Saison mit dem EC-Triumph und die erneute Meisterschaft des SC DHfK - die sechste und (vorerst) letzte - ging er zurück in seine Berliner Heimat und spielte fortan für den SC Dynamo. Dort freute man sich über den Zuwachs und gewann mit dem ehemaligen Europapokal-Sieger prompt den nächsten nationalen Titel.

In Berlin war die Konstellation im Tor eine ganz besondere - Dynamo agierte mit drei Schlussleuten. Neben Fischer gehörten Horst Galinsky und Hans Legin dazu. „Wir haben uns gut ergänzt und gut verstanden", berichtet Galinsky. Wann vor allem allem Fischer zwischen den Pfosten stand, lässt sich denken. Wenn es gegen die beiden Leipziger Mannschaften ging, war er gefragt. „Und er hat seine Sache immer gut gemacht", sagt Galinsky anerkennend. Für seine ehemaligen Kameraden sei es mitunter zwar ein bisschen komisch gewesen, wenn der ehemalige Mitspieler jetzt auf der Gegenseite stand, erinnert sich Wöhler. „Aber insgesamt war es kein Problem. Es ging im Spiel zur Sache, und danach haben wir uns wieder gut verstanden."

Geschichte schrieb Fischer hauptsächlich in der Saison 1969/70 im Europapokal-Halbfinale gegen RK Cervenka. Die Berliner hatten das Hinspiel in Jugoslawien 6:15 verloren, das Erreichen des Endspiels war in weite Ferne gerückt. „Doch im Rückspiel wuchsen wir über uns hinaus, was in erster Linie für Bodo gilt", so Galinsky. Dynamo gewann am 12. April 1970 sensationell 14:4. „Damals fielen zwar weniger Tore als heute", sagt Galinsky. „Aber wenn man nur vier Gegentreffer in einem Spiel bekam, sorgte das natürlich für Aufsehen." Und für viel Lob für den Torhüter.

In seinem zweiten Europapokal-Finale stand Fischer im Tor, vier Jahre zuvor in Paris hatte Franke den Vorzug erhalten. Dynamo verlor in der Dortmunder Westfalenhalle gegen den VfL Gummersbach vor 12000 Zuschauern 11:14. An Fischer hatte es nicht gelegen, aber der VfL verfügte an diesem Tag in Hans-Günther Schmidt über einen herausragenden Spieler, dem allein neun Treffer gelangen.

Wenn Galinsky später Johannes Bitter im Tor sah, erinnerte ihn der deutsche Weltmeister von 2007 an seinen einstigen Dynamo-Kollegen. „Sicher vor allem auch deshalb, weil Bodo für die damaligen Verhältnisse relativ groß und damit eine ähnliche Erscheinung wir Jogi war." Torhüter waren in den 60-er und 70-er Jahren bis auf Ausnahmen noch nicht solche Hünen wie heute.

Dreimal war Fischer mit Dynamo DDR-Meister geworden, als er 1972 abtrat. Der 19-malige Nationalspieler trainierte danach die zweite Mannschaft und arbeitete später als Berufsschullehrer. Mit sechs Titeln (drei mit dem SC DHfK und drei mit dem SC Dynamo) und zwei Europapokal-Endspielen gehörte er zu den erfolgreichsten Torhütern seiner Zeit, der in seinen beiden Mannschaften hohes Ansehen genoss. Weil er nie aufgab - wie auch das Beispiel mit der am Ende vorschriftsmäßig ausgeführten Kopfkippe zeigt.

Autor: Winfried Wächter