Hans-Gert Stein
Trainer Hans-Gert Stein genoss sehr großes Ansehen, nicht nur bei seinen Spielern

Grüße aus China an Mister Schdoun

Trainer Hans-Gert Stein genoss sehr großes Ansehen, nicht nur bei seinen Spielern

Die Jungs waren 15, 16 Jahre alt und von ihrem Trainer über alle Maßen begeistert. Sie wussten, dass der nur vier Jahre vorher ein „ganz, ganz großes Ding" gerissen hatte, wie Steffen Kowalinski immer wieder schwärmte. „Und jetzt trainiert er uns. Das muss man sich mal vorstellen."  Kowalinski war 1970 der Linksaußen in der B-Jugend der Leipziger Bezirksauswahl, die bei der Kinder- und Jugendspartakiade in Berlin startete. Kowalinski, späterer Oberliga-Spieler bei Dynamo Halle, wäre wie alle seine Mitstreiter für den Trainer durchs Feuer gegangen. „Weil er eben alles über den Handball weiß", begründete Kowalinski immer. „Und weil er nie meckert, wenn dir ein Fehler passiert und dir alles genau erklären kann, was du besser machen musst", schob sein Mitspieler Uwe Stemmler - er gehörte in den 70er Jahren zur Oberliga-Mannschaft des SC Leipzig - hinterher.

Ihr damaliger Trainer war Hans-Gert Stein, unter dessen Leitung der SC DHfK 1965/66 seine Tour durch Europa mit dem Sieg gegen Budapest gekrönt hatte. Die EC-Sieger schmunzeln, wenn sie die Episode der Jungs aus Berlin hören. „Sie haben Hansi Stein gut beschrieben", sagt Dieter Wöhler. „Genauso war er auch zu uns. Er wurde nie besonders laut, sondern legte viel mehr Wert darauf, alles möglichst genau zu erklären." Das geschah natürlich zumeist vor dem Spiel. Da habe schon jeder gemerkt, wie akribisch sich der Trainer auf den jeweiligen Kontrahenten vorbereitet hatte. „Er brachte alles in Erfahrung, was möglich war. Wir wurde eigentlich nie von irgendetwas überrascht, was auf der Gegenseite passierte", erinnert sich Wöhler.

Lothar Fährmann kann das bestätigen und verweist auf Gespräche direkt an der Bank. Es sei durchaus vorgekommen, dass drei Spieler auf einmal ausgewechselt wurden und sich Stein jedem von ihnen zuwandte, um ihm neue Instruktionen zu erteilen. „Oft hat er auch dem jeweiligen Außen, der immer an der Bank vorbeilief, Hinweise übermittelt, was sich ab sofort ändern sollte. Der hat dann an alle weitergegeben, wie sich jeder verhalten soll." Auszeiten, in denen solche Änderungen heute in erster Linie besprochen werden, gab es damals noch nicht.

Fährmann hatte mit Stein noch zusammengespielt. Auch auf dem Großfeld, wo Stein seinen größten Erfolg feierte. Bei der Weltmeisterschaft 1959 in Österreich holte er mit der gesamtdeutschen Mannschaft den Titel.

1961 übernahm Stein den SC DHfK. „Der Wechsel kam für uns etwas überraschen, weil eigentlich nichts darauf hindeutete", erinnert sich Fährmanns. Die Mannschaft sei kurz vorher noch in der Bundesrepublik unterwegs gewesen und habe bei ihrer Rückkehr erfahren, dass ihr Trainer nicht mehr Alfred Kessel, sondern Hans-Gert Stein sein würde. Der Neue hatte es im Team nicht schwer, weil er mit vielen noch gemeinsam gespielt hatte und stets von allen geschätzt wurde.

Steins Handball-Wiege stand beim SV Leipzig Ost. Hier hatte er zu dieser Sportart gefunden, die zum Mittelpunkt seines Lebens werden sollte. Vor dem Traineramt arbeitete er als Hochschullehrer an der DHfK und brachte den Studenten das Abc des Handballs bei. Seine entsprechenden Fähigkeiten wurden allseits geschätzt. So erhielt er 1958 eine Einladung nach China, um dort den Handball voranzubringen. Auch wenn sich die entsprechenden internationalen Erfolge des riesigen Landes in Grenzen hielten, Eindruck hat Stein dennoch hinterlassen. So wurde der Autor dieses Beitrags 1987 bei der B-WM der Frauen in Bulgarien von einem chinesischen Funktionär auf englisch angesprochen, um unbedingt Grüße nach Leipzig an „Mister Schdoun" zu übermitteln. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Groschen fiel: Gemeint war Mister Stone, also Herr Stein, der sich sehr freute, als die Bitte der Chinesen erfüllt wurde und er bei ihnen nach der langen Zeit nicht in Vergessenheit geraten war.


Anfang 1960 sollte er auf einem Kongress in Jugoslawien über neue Wurftechniken und modernes Konterspieleq referieren. Begleitet wurde er von Lothar Fährmann, der sich auch deshalb gut an die Reise erinnern kann, weil das Referat nicht gehalten wurde. Nicht gehalten werden durfte, denn kurz vor Beginn wurde von der DDR-Botschaft ein Verbot verhängt. Eine genaue Begründung gab es nie. „Vielleicht hätten die Politiker Angst, wir würden irgendwelche Geheimnisse verraten", fasst sich Fährmann noch heute an den Kopf. Die anwesende internationale Trainerprominenz, darunter die Rumänen Nicolae Nedef und Ion Kunst sowie der Tscheche Bedřich König, war entsprechend überrascht, als die Kollegen aus der DDR nicht den erwarteten Beitrag leisteten.


„Hansi galt unter seinen Kollegen als absoluter Fachmann", weiß Wolf-Dietrich Neiling. „Er genoss überall hohes Ansehen." Neiling hat an der DHfK lange mit ihm zusammengearbeitet, wo die Trainer-Ausbildung absolviert wurde. „Da lief alles über ihn", so Neiling. In der Saison 1966/67 hatte Stein sein Trainer-Amt an Paul Tiedemann übergeben und wieder seinen Dienst als Hochschullehrer angetreten. Unter seinen Studenten war auch der eine oder andere Prominente. 1974 kam im Rahmen des Internationalen Trainerkurses ein gewisser Hassan Moustafa an die berühmte Einrichtung nach Leipzig. Der junge Ägypter sollte später noch von sich reden machen, seit 2000 ist er Präsident der Internationalen Handball-Föderation.

Stein wurde von seinen Spielern nicht nur wegen seiner fachlichen Kompetenz, sondern auch wegen seiner Menschlichkeit und seines Humors geschätzt. Da war zum Beispiel die Sache mit dem Mantel. Genauer, was von dem Kleidungsstück übrig geblieben war. Die Geschichte geht so: Nach dem Halbfinal-Erfolg gegen Dukla Prag hatte Wöhler leichtsinnigerweise gesagt: „Wenn wir jetzt nach Paris fahren und gewinnen, werfe ich meinen Mantel in die Seine." Dazu muss man wissen, dass es sich um einen recht teuren Überzieher handelte. Wöhler hatte ihn von einem gut betuchten Onkel aus West-Berlin geschenkt bekommen und nach dem Triumph gegen Budapest freilich keine Silbe mehr über das ursprüngliche Vorhaben verloren. Er glaubte schon, dass er das gute Stück unbeschadet würde wieder mit nach Hause nehmen können. Doch auf dem Pariser Flughafen erinnerte sich Erwin Kaldarasch oder Klaus Franke - die Angaben darüber gehen etwas auseinander - an Wöhlers Ankündigung. In der Seine konnte er den Mantel nicht mehr werfen. Also wurde der von seine Mannschaftskameraden in viele  Einzelteile zerlegt, die in Paris zurückgelassen wurden. Um so größer war das Hallo, als Stein bei der gemeinsamen Silvester-Feier im legendären Coffe Baum den Raum betrat und einen Knopf an die Decke warf. Jeder erkannte das Stück vom Mantel, dem in Paris kurz vor dem Abflug so viel Umheil widerfahren war. Der Trainer hatte wieder einmal für die richtige Stimmung unter seinen Spielern gesorgt. „So war Hansi, immer mit dem Gespür für die Situation in jeder Lebenslage", so Neiling.

Der in ganz Deutschland geschätzte und in Leipzig verehrte Hans-Gert Stein starb mit 69 Jahren am 21. Oktober 1998. Die Trauerrede hatte der bekannte Leipziger Sportmediziner und langjährige DHfK-Mannschaftsarzt Kurt Tittel gehalten. Steins Ansehen hatte natürlich nicht darunter gelitten, dass zu seiner beeindruckenden Erfolgsbilanz keine Medaille von der Spartakiade 1970 in Berlin gehörte. Die B-Jugend war auf Platz vier eingekommen. „Aber wir hatten den besten Trainer, den man sich vorstellen kann", sagt Uwe Stemmler noch heute. „Er war ein beeindruckender Mensch." Die Europapokal-Sieger von 1966 sind von dieser Meinung natürlich nicht überrascht. Alle kannten die Eigenschaften ihres Trainers. Und alle aus dem Lager der Eurofighter wussten, dass auch die Leipziger B-Jugendlichen von Hans-Gert Stein schwärmen würden.

Autor: Winfried Wächter