Lothar Fährmann

„Na, kannst du noch rennen?"

Weil Lothar Fährmann die Frage mit ja beantwortete, kam er zu seinem Länderspiel

Im Vergleich zu seinen Mannschaftskollegen hat Lothar Fährmann einige Besonderheiten aufzuweisen. Zum Beispiel war er vor seinem Wechsel an die Deutsche Hochschule für Körperkultur - 1958 kam der 18-Jährige zum Studium aus Pirna nach Leipzig - kein Leichtathlet. Das gilt fast als Alleinstellungsmerkmal. Während die anderen neben dem Handball hoch-  und weitsprangen, auch mit dem Stab über die Latte segelten oder den Speer warfen, hatte es der Linkshänder von Anfang an ausschließlich mit Bällen zu tun. Volleyball stand am Montag auf dem Programm, Fußball am Mittwoch, Handball am Dienstag und Donnerstag.

Es fällt auf, dass der Freitag fehlt. Doch da war keine Zeit, da drehte er Filme. Das tat er natürlich nicht allein, denn im Pirnaer Kinder- und Jugendfilmstudio hatte er viele Mitstreiter. Es wurden kleine Filme produziert, wobei der Hand-, Fuß- und Volleyballer gewissermaßen als Tonmeister fungierte. „Einmal drehten wir einen Film über einen Zirkus und ich war dafür zuständig, das Brüllen eines Löwen einzufangen", berichtet Fährmann. Das habe alles großen Spaß gemacht und sei natürlich ein ganz anderes Feld als der Sport gewesen.

Und da ist noch eine dritte Besonderheit, die den Linkshänder von den anderen EC-Helden unterscheidet. Während die anderen ihre internationalen Auswahleinsätze in ihren 20ern hatten, bestritt Fährmann im fortgeschrittenen Alter von 50 Jahren sein einziges Länderspiel. So ganz kann es wohl nicht als solches anerkannt werden, aber fast. Jedenfalls trafen zwei deutsche  Mannschaften am 20. Oktober 1990 in der Grube-Halle der DHfK aufeinander. Im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung und dem 40. Jahrestag der DHfK war dieses Spiel organisiert worden, wobei auf beiden Seiten nicht die aktuellen Nationalspieler vertreten waren, sondern Akteure aus früheren Zeiten. Zu den Organisatoren gehörten neben Wolf-Dietrich Neiling und Norbert Schlegel auch Fährmann.

Weil sich Lothar Doering, der im rechten Rückraum vorgesehen war, verspätete, bestand für DDR-Trainer Heinz Seiler auf dieser Position Handlungsbedarf. „Ich saß in meinem Büro in der Hochschule, als Heinz Seiler hereinkam und mich fragte: Na, kannst du noch rennen?", erzählt der Spät-Berufene. Da die Antwort positiv ausfiel - die Arbeit mit Studenten hielt schließlich fit -, erhielt er kurzerhand das Trikot mit der Nummer zehn und steuerte auch einen Treffer zum 29:25-Sieg bei. Neiling kann sich nach wie vor daran erinnern. „Lothar hat sich reingehauen, wie wir es von ihm gewohnt waren. Er hat immer alles gegeben." Neben dem Torschützen standen mit Klaus Langhoff und Otto Hölke zwei Weggefährten aus der EC-Siegermannschaft von 1966 auf dem Parkett. Auch die Olympiasieger von 1980, Peter Rost, Dietmar Schmidt und Siegfried Voigt sowie eben der sich verspätende Doering, gehörten dazu. Auf der anderen Seite versuchten unter anderem Herbert Lübking und Klaus Westebbe, die Niederlage abzuwenden.

In dieser Halle war Fährmann zu Hause. Heute würde man sagen, es war sein Wohnzimmer. Hier hatte er 1958 seinen Einstand beim SC DHfK gegeben, noch in der zweiten Mannschaft. Auf dem Großfeld gehörte er bereits zur Ersten. Es dauerte auch nicht lange, und er rückte nach oben. „Ich war keiner der ganz Großen im Team", wehrt er ab. Peter Randt sei im rechten Rückraum einfach besser gewesen. Aber wegzudenken war er aus dieser Mannschaft dennoch nicht, zumal er auch im mittleren Rückraum oder auf Rechtsaußen zur Verfügung stand.

Wäre es nach den Wünschen seines Heimatvereins Lok Pirna gegangen, hätte ihr ehemaliger Spieler 1966 nicht mit zum Europapokal-Finale fahren können. Denn als er acht Jahre vorher das Studium begann, hatte er einen Brief im Gepäck, in dem darum gebeten wurde, dass der Student nach vier Jahren wieder nach Pirna zurückkehren sollte, um weiter für Lok zu spielen. Daraus wurde bekanntlich nichts, Fährmann war viel zu wichtig für die Grün-Weißen geworden, als dass sie ihn wieder hätten ziehen lassen.

Die Touren durch Europa haben ihn viele Erlebnisse beschert. Vor allem die erfolgreiche Saison 1965/66 ist ihm in Erinnerung. Nicht nur des Triumphes in Paris wegen, sondern vor allem auch das Achtelfinale im luxemburgischen Düdelingen bleibt unvergessen. „Es ist ja schließlich nicht alltäglich, dass man auf einem Marktplatz und nicht in einer Halle spielt", so Fährmann. Die Gastgeber waren an die Leipziger mit der Bitte herangetreten, die Partie im Freien auszutragen, weil ihre Halle zu klein sei und nur wenig Zuschauern Platz biete. Die Gäste stimmten zu, gewannen bei regnerischem Wetter klar mit 27:9 und trugen auf dem ungewohnten Terrain die eine oder andere Schürfwunde davon. Die Nähe zur westdeutschen Grenze wollten viele Spieler nutzen, um sich mit ihren Verwandten aus der Bundesrepublik zu treffen. Delegationsleiter Egon Wischofsky, der Vorsitzende des SC DHfK, hatte die Erlaubnis erteilt und für die Rückfahrt um pünktliches Eintreffen gebeten. Das Ergebnis war, dass Fährmann am Abend nach dem Spiel fast alleine im Hotel war. Die Erklärung ist einfach. „Ich hatte keine Westverwandtschaft."

Seine größte Kulisse erlebte Fährmann bei einem EC-Spiel in Prag. Dukla galt als Angstgegner der Leipziger, erst recht in Tschechien. „Die Halle fasste 18000 Zuschauer, und das war immer ein höllisches Spektakel." Hier wurde auch Eishockey gespielt, und nachdem die Halle bei einer Begegnung 1963 für Handball umgebaut worden war, stand noch Wasser hinter den Toren. Daneben waren Ordner postiert, um die Bälle zurückzuwerfen. „Aber den Ball immer noch mal ins Wasser legten, bevor sie ihn uns wieder übergaben." Insofern war der Sieg drei Jahre später im Halbfinale gegen die Prager im Halbfinale eine besondere Genugtuung.

Gespielt hat der ehemalige Pirnaer bis 1970. Viermal wurde er mit dem SC DHfK DDR-Meister und blieb dem Handball natürlich verbunden. An der DHfK und nach 1990 an der Sportfakultät bildete er Studenten aus, auch im Internationalen Trainerkurs. Im Ausland war der Europapokalsieger ebenfalls oft unterwegs, arbeitete unter anderem 1983 bis 1985 in Indien. Dort erlebte er eine große Gastfreundschaft und große Pläne, den Handball voranzubringen. „Es hieß immer, wir brauchen ja nur sechs Stangen für beide Tore und ein Spielfeld. Das war sicher richtig, doch leider floss das Geld sehr oft in unsichtbare Kanäle, so dass nichts daraus wurde." In Libyen betreute er zeitweilig die Nationalmannschaft. Was nicht ganz einfach war. Denn in der Zeit des Ramadans stand er oft allein in der Halle, weil die Einheimischen während dieser Zeit in der Regel keinen Sport treiben.

Jetzt hält sich Lothar Fährmann mit Tennis fit. Als diese (in der DDR nicht geförderte) Sportart nach der Wiedervereinigung in der Sportfakultät von den Studenten gefragt war, lernte er den Umgang mit dem Schläger. Das ging schnell bei ihm. Kein Wunder, es ist ja auch ein Ball im Spiel.

Autor: Winfried Wächter