"Die spektakulären Flüge des Bernsteinfischers"

Wie Rechtsaußen Otto Hölle die Fans des SC DHfK begeisterte

Von seinen Würfen schwärmen ältere Leipziger Handball-Fans noch heute. Der Rechtsaußen, ein Rechtshänder und damit auf dieser Position schon immer eher die Ausnahme, sprang Richtung Siebenmeterpunkt,  drehte sich danach auf die Seite, lag schließlich nahezu waagerecht in der Luft und hatte sich somit einen ganz guten Winkel zum gegnerischen Tor verschafft. Das sah natürlich spektakulär aus, und jeder Zuschauer ahnte, dass dahinter regelrechte akrobatischen Fähigkeiten steckten.

Der Rechtsaußen hieß Otto Hölke und gehörte zu EC-Siegermannschaft des SC DHfK von 1966. Er war derjenige, der den Linkshändern den Rang ablief und entsprechend gefeiert wurde, wenn er nach seiner spektakulären Flugeinlage wieder einmal einen Treffer erzielt hatte. So auch beim Endspiel in Paris. Nach zehn Minuten hatte der Rechtsaußen zweimal getroffen, bei zwei Versuchen also eine makellose Bilanz, als er auf die Bank beordert wurde - um nicht mehr zurück aufs Spielfeld geschickt zu werden. Hölke hat den Grund dafür nie erfahren. „Ich wollte immer mal mit Hans-Gert Stein darüber reden, aber es hat sich irgendwie nie ergeben." Stein war der Trainer der Mannschaft, den Hölke natürlich schätzte. Doch die anschließenden 40 Minuten auf der Bank haben ihn geärgert, das ist noch heute zu spüren.

Der 22. April 1966 war natürlich der Höhepunkt im Sportlerleben des Otto Hölke. 1959 kam der junge Mann aus Kamminke von der Insel Usdeom nach Leipzig, um an der DHfK zu studieren. Der 21-Jährige hatte sich zunächst in Greifswald beworben, doch da war kein Platz mehr frei. Also auf nach Sachsen. Handball hatte er vorher bei Einheit Ahlbeck gespielt, in der DDR-Liga, was heute der zweiten Liga entspricht. Mit 17 Jahren führte er im Rückraum Regie. Außerdem war er ein sehr guter Leichtathlet, warf den Speer 54 m weit und wurde damit in der Jugend Bezirksmeister.In Leipzig mussten die Studenten zunächst eine vormilitärische Ausbildung absolvieren, als Hölke eines Tages dort auf einen Aushang stieß. „Wer am Handball interessiert sei, könne sich melden", erinnert sich Hölke. „Also bin ich hin." Er war nicht der einzige, der an diesem Tag vorspielte, aber der einzige, der für die erste Mannschaft genommen wurde.
Im Rückraum spielte er nicht mehr, seine 1,75 m Körperhöhe prädestinierte ihn eher für die Außenposition. Und auf der rechten Seite machte Hölke seine Sache so gut, dass er viele Jahre Stammspieler war.

Die spektakuläre Art, in den Kreis zu fliegen, hatte er sich abgeschaut. „Damals gehörte Horst Quednau zu unserer Mannschaft, ein Rechtshänder im rechten Rückraum", erklärt Hölke. „Und der hat mit seinen Seitschlagwürfen auch Erfolg gehabt." Also ahmte er ihn in gewisser Weise nach und gehörte in der Oberliga, der höchsten Spielklasse der DDR, zu den besten Rechtsaußen. In sieben Länderspielen kam der Rechtshänder zum Einsatz, heute ist das undenkbar. 1969 hörte er beim SC DHfK auf, arbeitete als Sportlehrer an der damaligen Karl-Marx-Universität (heute Universität Leipzig), betreute Studenten und spielte noch in der Bezirksliga des Uni-Teams unter Trainer Winfried Binder. Binder? „Richtig", bestätigt Hölke, „das war der Opa von Lukas Binder, dem heutigen Linksaußen des SC DHfK."

An der Uni traf er auf Studenten aus allen Fachrichtungen, auch auf künftige Physiker. Nein, Angela Merkel sei nicht dabei gewesen, zumindest kann er sich nicht an sie erinnern. Was übrigens seinen damaligen Sportlehrer-Kollegen ähnlich geht, jeder hat bislang auf die Frage, ob er das damalige Fräulein Angela Kasner, die spätere promovierte Physikerin und noch spätere Bundeskanzlerin, unter seinen Fittichen gehabt hätte, mit dem Kopf geschüttelt.
Als die DDR-Nationalmannschaft 1980 zu den Olympischen Spielen fuhr und dort Gold gewann, freute sich Hölke auch für seine ehemaligen Mannschaftskameraden Paul Tiedemann und Klaus Langhoff. Beide gehörten wie er zur EC-Siegermannschaft von 1966 und waren inzwischen die verantwortlichen Auswahltrainer. Doch in diesem Sommer war der Sportlehrer mit seinen Gedanken nicht nur beim Handball - er hatte beschlossen, die DDR zu verlassen. Damals habe sich einiges aufgestaut. Angestellt war er am Institut für Körpererziehung der Uni. „Ich sollte Berichte schreiben über alles, was vorgefallen sei. Das hat mich unglaublich gestört." Außerdem kriselte seine Ehe, so dass der Plan Gestalt annahm. Vier seiner wesentlich älteren Geschwister lebten seit vielen Jahren in Schweden. Nach dem Krieg hatten sie die Insel Usedom über die Ostsee verlassen. Der jüngste Bruder war geblieben. Einer der älteren Brüder war im Frühjahr 1966 extra zum EC-Finale nach Paris gereist. Otto Hölke war von den vorherigen Reisen zu seiner Verwandtschaft stets zurückgekehrt, doch diesmal entschied er sich anders. Eine Woche blieb er in Schweden, dann fuhr er nicht wieder nach Leipzig, sondern nach Hamburg.

Es war in der DDR keineswegs selbstverständlich, dass Leistungssportler, die wie Hölke so genannte West-Verwandtschaft hatten, mit ihren Teams ins westliche Ausland fahren durften. Sie könnten ja die Gelegenheit zur Flucht nutzen und nicht zurückkommen. Bei Hölke bestand für diese Befürchtung kein Grund. Erst lange nach seiner sportlichen Laufbahn entschloss er sich zu diesem Schritt.
In Hamburg hatte er das Abschluss-Diplom seines DHfK-Studium nicht dabei. Seine damalige Frau schickte es ihm nach - und es wurde anerkannt. Selbstverständlich war das nicht. „Vielleicht lag es daran, dass mich bestimmte Leute als Handballer kannten", vermutet Hölke.

Als die DDR-Mannschaft 1981 in Hamburg ein Länderspiel gegen die Bundesrepublik bestritt, ging er natürlich in die Halle. Er saß direkt hinter der Bank. Doch es kam, wie er es erwartet hatte, weil solche Kontakte von der DDR-Führung streng verboten wurden. Es gab also kein Hallo, keine Begrüßung, nur einen kurzen Augenkontakt mit Klaus Langhoff. Langhoff hat ihm später erklärt, wie leid ihm sein damaliges Verhalten Beta habe, Hölke reichte das.
Seit 2003 lebt er wieder auf der Insel Usedom, in Balm, elf Kilometer entfernt von Kamminke. Die Heimweh war groß, vor allem der Bernsteine wegen, die man hier gewissermaßen vor der Tür finden kann. „Wenn der Wind gut steht und die See aufgewühlt ist", erklärt Hölke. Das war von Kind auf sein Hobby. Wer in dieser Gegend am Strand unterwegs ist und wenn solche Bedingungen herrschen, kann man relativ sicher sein, im Wasser einen Mann mit Kescher (extra angefertigt) und Watthose zu sehen, der einst spektakulär in den Kreis flog. Der Bernsteinfischer ist bestimmt der ehemalige Rechtsaußen der Europapokalsieger aus Leipzig. 


Autor: Winfried Wächter